Cannabis-Aktien: Bis zu 80 Prozent Verlust – und jetzt?

Wertpapiere Cannabis-Aktien: Bis zu 80 Prozent Verlust – und jetzt?

Update: 10.01.2020
von Björn König
Update: 10.01.2020
Auf einen Blick
  • Nach den deutlichen Kursverlusten im vergangenen Jahr stehen Marihuana-Aktien wieder auf der Watchlist von Investoren.

  • Zum 13. Januar wird auch der erste europäische Cannabis-ETF an der Deutschen Börse handelbar sein: der Medical Cannabis and Wellness UCITS ETF.

  • Die Korrektur bei Cannabis-Aktien ist allerdings noch nicht ausgestanden. Investoren sollten zudem politische Risiken im Auge behalten.
Artikelbewertung
Teilen
Schrift

Am 2. November 2010 stand in Kalifornien die sogenannte Proposition 19 zur Abstimmung. Alle stimmberechtigten Bürger des Westküstenstaates hatten im Rahmen eines Volksentscheides darüber zu befinden, ob der Anbau und Verkauf von Rauschhanf zu Konsumzwecken legalisiert werden sollte.

Letztendlich entschieden jedoch 54 Prozent der Bürger im Rahmen der Abstimmung dagegen, weshalb Kaliforniens damaliger Gouverneur Arnold Schwarzenegger sich nicht weiter mit dem Thema befassen musste.

Einige Jahre später sollte es soweit sein: Im Jahr 2016 führte eine weitere Volksabstimmung, die Proposition 64, zum Erfolg. Seit Januar 2018 ist der Marihuana-Konsum in Kalifornien offiziell legalisiert. Vor allem viele Start-ups, die man auch abseits des Silicon Valley sehr häufig entdeckt, haben schnell eine Marktlücke ausgemacht und sich auf den Anbau sowie Vertrieb von Rauschhanf spezialisiert.

Lesen Sie auch: Total-Return-Fonds – Kapitalschutz steht im Vordergrund

Für weitere Beiträge rund um das Thema Wertpapiere abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter!

Bitte geben Sie eine korrekte E-Mail Adresse ein
Unsere Datenschutzerklärung finden Sie hier.

Cannabis gedeiht an der Börse

Doch wie in allen potenziellen neuen Wachstumsbranchen benötigen die Unternehmen am Anfang zunächst einmal Risikokapital. Ist dieser Schritt erfolgreich verlaufen und die Firmen haben sich erfolgreich am Markt platziert, geht es um weiteres Wachstum. Das notwendige Kapital holen sich die Unternehmen dann ganz traditionell an der Börse.

Und gerade hier gab es in den vergangenen Jahren seit der Cannabis-Legalisierung in Kalifornien eine regelrechte Goldgräberstimmung. Nicht wenige Analysten sehen in Hanf sogar das Potenzial für neues Gold. Professor Michael A. Popp, CEO der Bionorica SE, warnte bereits 2018 im Gespräch mit biallo.de vor einem zu euphorischen Markt – daran dürfte sich bis heute unserer Ansicht nach nicht viel geändert haben, wenn man sich die Berichterstattung in den Wirtschaftsmedien genau anschaut.

Cannabis-Titel werden nach wie vor insbesondere in den USA wesentlich stärker thematisiert als traditionelle Branchentitel. Bei allem Enthusiasmus sollten Anleger aber nicht überstürzt handeln und sich die verschiedenen Anlageoptionen genau anschauen, denn wie immer steckt auch hier der Teufel im Detail.

Zudem haben viele Marihuana-Aktien nach ihrem Höhenrausch deutlich Dampf abgelassen: In der Spitze belaufen sich die Verluste im vergangenen Jahr auf bis zu 80 Prozent. Neuengagements drängen sich erst auf, wenn der seit März verlaufende Abwärtstrend nachhaltig nach oben durchbrochen wird.

Lesen Sie auch: Was die neue EU-Prospektverordnung für Anleger bedeutet

Die großen Produzenten

Bemerkenswert ist, dass die Cannabis-Unternehmen mit der höchsten Marktkapitalisierung gar nicht in den USA, sondern im hohen Norden Kanadas beheimatet sind. Selbst vielen erfahrenen Börsianern, welche sich eher mit klassischen Industriegiganten wie Unilever, Siemens oder BASF beschäftigen, sagen die wohlklingenden Namen der Marihuana-Economy wenig.

Daher hier ein kurzer Überblick zu den interessantesten Cannabis-Konzernen und ihren Geschäftsmodellen:

Canopy Growth

Im Jahr 2014 gegründet und in Ontario ansässig, ist Canopy Growth mit einer Marktkapitalisierung von umgerechnet 6,4 Milliarden Euro der größte Produzent von medizinischem Cannabis und mit weitem Abstand die Nummer eins der Branche. Das Unternehmen wächst sowohl organisch als auch durch Akquisitionen und betreibt mittlerweile zahlreiche Tochtergesellschaften.

Bei den Produkten des Konzerns handelt es sich um Cannabis in getrockneter Form, als Kapsel oder Cannabis-Öl. Seit Gründung hat Canopy einige große Akquisitionen jeweils im dreistelligen Millionenbereich durchgeführt und zählt damit zu den beeindruckenden Wachstumsunternehmen dieser neuen Branche. Ein Großaktionär ist der US-Getränkekonzern Constellation Brands, welcher unter anderem die Biermarke Corona vertreibt.

Die Canopy-Aktie hat sich 2019 mit einem Verlust von "nur" 27 Prozent deutlich besser als der Branchendurchschnitt geschlagen. Im Dezember hat das Papier sogar seinen mehrmonatigen Abwärtstrend nach oben durchbrochen. Ob der Trendbruch nachhaltig war, muss allerdings erst noch bewiesen werden.

Tilray

Mit einer Marktkapitalisierung von aktuell 1,2 Milliarden Euro ist Tilray zwar deutlich kleiner, dürfte jedoch ebenfalls eine bemerkenswerte Wachstumsperspektive vor sich haben. Der kanadische Konzern spezialisiert sich auf medizinisches Cannabis, aber auch auf die Marihuana-Forschung.

Der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer wurde bei Tilray Anfang 2019 Gründungsmitglied des internationalen Beirates für die Umsetzung einer offensiven, weltweiten Wachstumsstrategie. Zudem gibt es Vertriebskooperationen mit dem europäischen Pharmakonzern Novartis.

Trotz der guten Aussichten wurde die Tilray-Aktie im vergangenen Jahr schwer gebeutelt und erzielte im Gesamtjahr 2019 einen Verlust von 77 Prozent. Das Papier ist weiterhin im Abwärtstrend gefangen. Mit einem Einstieg sollten Anleger deshalb noch warten, bis die Aktie die obere Linie des Trendkanals nachhaltig durchbricht.

Lesen Sie auch: Charttechnik für Einsteiger einfach erklärt

Aurora Cannabis

Aurora Cannabis ist gemessen an seiner Jahresproduktion mittlerweile der größte Hanf-Anbauer weltweit und fällt ebenfalls in die Kategorie Wachstumsaktie. Das Unternehmen aus Edmonton ist in 24 Ländern auf fünf Kontinenten tätig und engagiert sich darüber hinaus sehr stark in Deutschland. So entsteht bei Leuna in Sachsen-Anhalt eine Produktionsanlage, welche ab Oktober 2020 jährlich eine Tonne Cannabis für den deutschen Markt produzieren soll.

Der Konzern ist an der Börse derzeit mit umgerechnet 1,8 Milliarden Euro bewertet und hat im vergangenen Jahr 65 Prozent verloren. Der Abwärtstrend ist nach wie vor intakt. Vor kurzem sorgte Analyst Gordon Johnson von GLJ Research für Furore, indem er ein Kursziel von null Euro für die Aurora-Aktie ausgab.

Hauptgrund für das vernichtende Urteil: die hohe Verschuldung von Aurora. Zudem habe der Konzern die Zahl der ausgegebenen Aktien in den vergangenen drei Jahren auf gut eine Milliarde mehr als verfünffacht. "Das Unternehmen plant, diese Verwässerung durch schrittweise Ausgabe von Aktien fortzusetzen", so Gordon. Der Analyst geht davon aus, dass Aurora bis zum Sommer das Geld ausgehen wird.

Lesen Sie auch: Mit diesen Kennzahlen entschlüsseln Sie die Börse

Cannabis-ETFs auf dem Vormarsch

Fondsanbieter spezialisieren sich beim Thema ETFs immer mehr, um sich von den Wettbewerbern abzuheben und gleichzeitig neues Wachstumspotenzial für Investoren zu erschließen. Gleichwohl sind Cannabis-ETFs nach wie vor ein vergleichsweise exotisches Investment. Nur wenige Anbieter bedienen dieses Segment und der Fokus liegt – wie auch nicht anders zu erwarten – auf dem US-Markt.

Ganz aktuell haben Purpose Investments und HANetf den ersten Cannabis-ETF in Europa aufgelegt. Dieser ist ab 13. Januar bei den meisten Brokern handelbar. Potenzielle Anleger sollten sich allerdings darüber bewusst sein, dass sich der Medical Cannabis and Wellness UCITS ETF (WKN: A2PPQ0) auf Unternehmen fokussiert, welche Cannabis in erster Linie zu medizinischen beziehungsweise therapeutischen Zwecken produzieren. Außerdem setzt sich der Index aus lediglich 15 Werten zusammen, was für einen breit gestreuten ETF vergleichsweise wenig ist – zumal wichtige hier genannte Branchengrößen überhaupt nicht enthalten sind.

Ein Investment in dieses Produkt würden wir daher eher kritisch sehen. Wenn eine Beimischung von Einzelwerten für das Depot nicht in Frage kommt, bieten sich derzeit eher am Markt etablierte Cannabis-Indizes an. Aber auch hier gilt: Man sollte die Volatilität der Branche keinesfalls unterschätzen. Der Markt hat zweifelsohne weiteres Wachstumspotenzial, jedoch brauchen Anleger nicht nur einen langen Atem, sondern auch entsprechende Risikobereitschaft.

Die folgenden ETFs sind unserer Ansicht nach im Hinblick auf Fondsvolumen und Renditeentwicklung derzeit einen Blick wert. Womöglich legen künftig auch andere Fondsgesellschaften wie beispielsweise iShares oder Xtrackers weitere entsprechende ETFs auf.

Lesen Sie auchWeiterhin grünes Licht für Cannabis-ETF

Die größten US-Cannabis-ETFs

ETF

Fondsvolumen

Performance 2020

Performance 1 JahrPerformance 3 Jahre

ISIN

ETFMG Alternative Harvest

702 Mio. US-Dollar

-4,3 %


-38,6 %

-10,2 %

US26924G5080

Horizons Marijuana Life Sciences

732 Mio. US-Dollar

-7,2 %


-45,1 %

n. a.

CA44054J1012

Quellen: Bloomberg; eigene Recherche.

Im Juli 2019 wurde an der New Yorker Börse (NYSE) von Innovation Shares unter dem Ticker "THCX" ein neuer Cannabis-ETF emittiert. Besonders an diesem Produkt ist, dass keine Tabak oder Alkohol-Titel beigemischt sind und das Portfolio nicht vierteljährlich, sondern monatlich neu ausgerichtet wird.

Das hört sich interessant an, dennoch sollten Anleger mit einem Einstieg vorsichtig sein, zumal sich das Papier seit der Emission mehr als halbiert hat. Ob sich der ETF langfristig etabliert, hängt maßgeblich vom Fondsvolumen ab. Als Maßstab sollte hier gelten, dass dieses bei rund 500 Millionen Euro liegt, dann ist eine Einstellung des ETFs relativ unwahrscheinlich. Derzeit beträgt das Volumen des neuen Cannabis-ETF gut 15 Millionen US-Dollar, umgerechnet knapp 14 Millionen Euro.

Lesen Sie auch: Vorsicht vor zu kleinen ETFs

Fazit

Bei Wertpapieren geht es zunächst immer um die Frage, mit welchem Ziel man investiert und welches Risiko man dafür eingehen will. Cannabis-Unternehmen können unserer Ansicht nach durchaus eine attraktive Wachstumsanlage sein, bergen jedoch auch nicht zu unterschätzende Risiken.

Die weitere Entwicklung in den USA hängt von einer liberalen Drogenpolitik ab und die ist natürlich keineswegs garantiert. Gibt es beispielsweise in Staaten, die von Gouverneuren der eher liberalen demokratischen Partei regiert werden einen Regierungswechsel zu den konservativen Republikanern, könnte der Cannabis-Boom dort schnell wieder am Ende sein.

Zudem sollte man sich als langfristiger Investor nicht von momentanen "Hypes" blenden lassen, denn ob aus Marihuana auf lange Sicht wertvolle Produkte für die Pharma-Industrie werden (die sich auch dauerhaft hochpreisig am Markt verkaufen lassen) ist ebenso nicht sicher.

Nichtsdestotrotz sehen Experten derzeit großes Wachstumspotenzial für die Branche. Die Analysten von Morningstar etwa gehen davon aus, dass sich der Markt bis 2030 fast verzehnfachen wird.

Wer einsteigen möchte, sollte Cannabis-Aktien oder ETFs als Beimischung zu einem breit gestreuten Anlagemix nutzen. Ausschließlich in ein Marihuana-Unternehmen beziehungsweise entsprechende Indexfonds zu investieren, ist aufgrund des Risikos und unsicheren Zukunftsentwicklungen nicht empfehlenswert – schon gar nicht, wenn die Anlage der Altersvorsorge dient.

Lesen Sie auch: Star-Ökonom Friedrich: "Es wird der größte Crash aller Zeiten sein"

Biallo-Tipp

Am Cannabis-Boom zu partizipieren ist auch ohne ein Direktinvestment in die Produzenten möglich. Nicht selten halten große bekannte Konzerne wie Altria oder Constellation Brands entsprechende Beteiligungen an Cannabis-Firmen. In vielen Fällen sind die Aktien dieser Konzerne bereits Teil großer global anlegender Indexfonds. Wer beispielsweise einen MSCI World ETF im Depot hat, investiert auch indirekt in die Cannabis-Branche.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Björn König
Autor
Jetzt Artikel bewerten
E-Mail an den Autor
Artikel kommentieren
Björn König
E-Mail an den Autor
Artikelbewertung
Teilen
Drucken
Zur Startseite
Björn König
E-Mail an den Autor
Newsletter
Keine News mehr verpassen
Bitte geben Sie eine korrekte E-Mail Adresse ein:
Unsere Datenschutzerklärung finden Sie hier.

Regeln für das Schreiben von Kommentaren:

  1. Kommentieren Sie sachlich und ohne persönliche Angriffe.
  2. Verfassen Sie keine Beiträge mit strafbarem, diskriminierendem, rassistischem, anstößigem, beleidigendem oder kommerziellem Inhalt und verweisen Sie nicht auf Seiten mit solchem Inhalt.
  3. Stellen Sie weder zu lange Texte noch Bilder ein, außer, wenn es unbedingt nötig ist.
  4. Veröffentlichen Sie keine personenbezogenen Daten Dritter, wie Namen, Adressen, Telefonnummern oder E-Mail-Adressen.
  5. Wenn Sie persönliche Mitteilungen oder Texte anderer Verfasser einstellen oder Kommentare anderweitig veröffentlichen möchten, beachten Sie die Rechte Dritter. Bei einer Verletzung dieser Rechte (z.B. Persönlichkeitsrecht, Urheberrecht, Datenschutz) haften Sie.
  6. Sie haben die Möglichkeit, Ihren Benutzernamen frei zu wählen. Sie sollten aber im eigenen Interesse markenrechtlich geschützte Namen vermeiden.

Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de