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Auf einen Blick
  • Rund um die Börse redet man oft in Extremen: von Crash oder Rallye. Dabei gehören Turbulenzen zum Graubereich der Zwischenstufen.

  • Ein Börsencrash ist viel seltener, als man denkt. Anleger sollten sich von diesem Begriff nicht ängstigen lassen.

  • Die schärfste Waffe gegen einen Börsenkrach heißt: bewusstes, gelassenes Nichtstun als Buy & Hold-Anleger mit einem diversifizierten Portfolio.
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"Ein Gespenst geht um an den Aktienmärkten – das Gespenst des Börsen-Crashs." Wieder einmal. Doch was bedeutet "Crash" eigentlich genau, und was kann man als Anleger bei einem solchen Börsenkrach unternehmen?

In turbulenten Börsenzeiten ist "Crash" ein Schlagwort, das gern übertreibt und das man zu oft verwendet. Für manche scheint es nur Extreme zu geben: entweder Rallye oder Crash, Bulle oder Bär. Man sollte ein paar Nummern kleiner anfangen und den ausgewachsenen Börsenkrach für die schwersten Fälle aufheben.

 

Volatilität ist der Normalfall

Aktienkurse schwanken. Sie schwanken intensiver als beispielsweise Kurse von Euro-Staatsanleihen. Das ist quasi ihr Beruf. Das höhere Risiko ist der Grund, warum ein Investment in der Anlageklasse der Aktien eine höhere Rendite erwarten lässt als eines in Anleihen. Diese Volatilität, also die Schwankungsbreite bei Indizes und Einzelwerten, ist völlig normal. „Historische Volatilität“ bedeutet: Man berechnet die Schwankung aus Zeitreihen der Vergangenheit. „Implizite Volatilität“ bedeutet die Schwankung, die der Markt derzeit erwartet.

Keine Aktienbörse ohne Volatilität. Daher gilt Harry S. Trumans Spruch: „If you can’t stand the heat, stay out of the kitchen.“ („Wenn man die Hitze nicht verträgt, dann raus aus der Küche.“) Man sollte also nicht in Aktien investieren, wenn man die unweigerlichen Kurschwankungen nicht erträgt. Das ist keine Prüfung für Machos, bei der der Risikofreudigste gewinnt, sondern die ehrliche Einschätzung der eigenen Risikotoleranz.


 

Konsolidierung und Korrektur versus Börsencrash

Auch eine Konsolidierung ist ganz normal, obwohl ein Aktienindex dabei bis zu fünf Prozent seines Wertes einbüßen kann. Konsolidierung bedeutet, dass die Kurse stark gestiegen sind, dann aber leicht zurückgehen oder sich seitwärts bewegen. Die Börse verschnauft also erst einmal vom Anstieg, setzt den Aufwärtstrend später aber fort. Was erhalten bleibt, ist die grundsätzlich positive Stimmung an den Aktienmärkten. Eine Konsolidierung kann mehrere Tage dauern, bei einer Seitwärtsbewegung auch mehrere Wochen.

Bei einer Korrektur bewegen sich die Aktienkurse nach unten, weil sie es vorher nach oben übertrieben haben. Diese Abwärtsbewegung fällt heftiger aus als bei der Konsolidierung und kann auch mehrere Monate andauern. Die Bandbreite der Kursrückgänge ist weit: Die Aktienkurse können um bis zu 20 Prozent fallen. Einzelne Aktien können auch stärker fallen. Wegen der großen Bandbreite des Kursabfalls unterscheidet sich auch die Häufigkeit von Korrekturen. Der US-Nachrichtensender CNBC hat Anfang 2020 folgende Statistik veröffentlicht: 

  • Ein Abfall von fünf Prozent oder mehr kommt etwa dreimal im Jahr vor (für durchschnittlich 47 Tage).
  • zehn Prozent oder mehr sinkt der Aktienmarkt etwa einmal im Jahr (für durchschnittlich 115 Tage).
  • Zu einem Abfall um 15 Prozent oder mehr kommt es etwa alle zwei Jahre (für durchschnittlich 216 Tage).
  • 20 Prozent oder mehr sinkt der Markt etwa alle 3,5 Jahre (für durchschnittlich 338 Tage).

Von 1945–2020 (ohne Corona-Crash) gab es insgesamt 26 Korrekturen an den Aktienbörsen. Durchschnittlich fielen die Kurse dabei um 13,7 Prozent. Im Schnitt erholten sich die Börsen in vier Monaten. 

Wenn eine Korrektur überstanden ist, steigt die Börse weiter. Der übergeordnete, langfristige Trend an den Märkten setzt sich fort. Zuvor überteuerte Aktien sind wieder attraktiv und bieten sich zum Kauf an.

 

Ein ausgewachsener Börsencrash löscht langjährige Trends aus

Wo ein Börsenkrach hinhaut, wächst erst einmal kein Gras mehr: Bei einem veritablen Crash setzt sich hinterher nichts fort. Ein Trend muss danach ganz neu beginnen. Ein Börsencrash löscht auch langjährige Aufwärtstrends komplett aus. Nach dieser Definition war der "Corona-Crash" kein Börsenkrach: Der Aufwärtstrend bis zum Februar 2020 brach zwar massiv ein, erholte sich aber schon ab Mitte März wieder und setzte sich fort. Das Jahr 2020 beendeten Dax, Dow Jones und MSCI World mit Rekordständen. 

Ein klassischer Crash nach dieser Definition war dagegen die Finanzkrise ab Mitte 2007: Erst im März 2009 begann ein neuer langjähriger Aufwärtstrend.

Allerdings kann man einen Crash auch enger definieren: Die Aktienkurse brechen an einem einzigen Tag um mehr als 20 Prozent ein. Begleitet wird das meist von schlechten Finanz- und Wirtschaftsnachrichten, was zu Panik bei den Anlegern führt. Ein Beispiel ist der "Schwarze Montag" vom 19. Oktober 1987, als der Dow Jones Industrial innerhalb eines Tages um 22,6 Prozent in die Knie ging.


 

In Deutschland gab es noch nie einen Börsencrash – oder?

An jenem "Schwarzen Montag" brach der Dax um 9,39 Prozent ein. Das war lange Rekord. Bis zum 12. März 2020: Da verlor der Dax während des "Corona-Crashs" 12,24 Prozent. Mehr hatte der Dax innerhalb eines Tages noch nie verloren. Nach der engen Definition kennt der deutsche Leitindex also gar keinen Börsenkrach. Ein Auslöschen langjähriger Trends kennt der Dax aber natürlich sehr wohl. Berüchtigt ist immer noch der "Neue Markt", der crashte, als die Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende platzte und das Börsensegment schließlich im Jahr 2003 geschlossen wurde.

Der Neue Markt wurde 1997 gegründet. Die Aktienmärkte waren damals euphorisch wegen der "New Economy". Vorbild für den Neuen Markt war die US-Börse Nasdaq. Die Unternehmen der "Neuen Technologien" waren um die Jahrtausendwende jenseits von Gut und Böse bewertet. Einige Neuer-Markt-Unternehmen hatten einen höheren Börsenwert als die Industrie-Dickschiffe aus dem Dax. Die Spekulationsblase gab es nicht nur in Deutschland, sondern als weltweite Bubble (Dotcom-Blase), und sie platzte im März 2000. Diese Gegenbewegung der Kurse war so heftig, dass die Deutsche Börse den Neuen Markt auflöste, mit dem TecDax als Nachfolger.

Jedenfalls betrifft nach beiden Definitionen ein richtiger Börsencrash nicht nur ein Land. Durch Globalisierung und weltweit verflochtene Wirtschaft und Finanzen sitzen wir alle in einem Boot. Was zu der beruhigenden Einsicht führt, dass für uns alle im Ernstfall dieselben Empfehlungen gelten.

 

Können ETFs einen Börsencrash auslösen?

Wie sieht es mit ETFs und Börsencrashs aus? Sind Indexfonds eine Gefahr für die Aktienmärkte? Die Deutsche Bundesbank meint in ihrem Monatsbericht vom Oktober 2018: Nein, aber ETFs seien für Anleger und das Finanzsystem zunehmend von Bedeutung. Der Anteil am Vermögen der weltweit verwalteten Fonds (nicht Aktien) liege noch bei 14 Prozent und spiele eine untergeordnete Rolle. Allerdings wächst der Anteil der Indexfonds stärker als der der klassischen aktiven Fonds. Die Bundesbank sieht die spezifischen Risiken von ETFs für das Finanzsystem jedoch begrenzt.

Etwas anderes gilt beim Flash-Crash. Das ist kein Crash, zumindest nicht im Sinne der obigen Definitionen. Ein Crash ist wie eine Gelenk-Operation, nach der man noch lange in die Reha muss. Ein Flash-Crash ist wie ein kurzes Umknicken, nach dem man gleich weitergeht. An der Börse brechen Kurse mitunter stark ein und erholen sich innerhalb von Minuten wieder. "Der" Flash-Crash ereignete sich am 6. Mai 2010 um 14.32 Uhr New Yorker Zeit und dauerte 36 Minuten. Der S&P 500 sank um fast sechs Prozent und erholte sich dann wieder. Nach diesem Vorfall beschlossen die Börsen der Welt, sich Sicherungen einzubauen, die bei Überlastung rausfliegen, die sogenannten Circuit Breaker. Beim S&P 500 wird der Handel für fünf Minuten ausgesetzt, wenn Aktien zuvor in fünf Minuten mehr als zehn Prozent an Wert verloren haben.

Die Bundesbank kommt zum Ergebnis, dass ETFs besonders turbulente Phasen an den Märkten verstärken können. Bei Flash-Crashs können zudem der Marktkurs eines Indexfonds und des Index’ selbst (etwa des MSCI World) auseinanderdriften. Hier geht es aber um Themen, die für den Hochfrequenzhandel relevant sind und nicht für den typischen Privatanleger. Ein ETF auf den MSCI World teilt immer das Schicksal des MSCI World, unabhängig von Abweichungen für eine halbe Stunde.

 

Der Bärenmarkt: ein langgezogener Crash

Ein Bärenmarkt heißt auch Baisse. An der Börse stehen die Bären sinnbildlich für abfallende Kurse. ("Der Bär baisst." Er schlägt mit der Pranke nach unten. Bullen stoßen mit den Hörnern nach oben. Sie stehen für steigende Kurse.) Ein Bärenmarkt setzt wie ein Crash einen Abfall der Kurse um mindestens 20 Prozent voraus, gerechnet vom Höchststand. Allerdings streckt sich dieser Kursabfall über eine längere Periode, in der Pessimismus vorherrscht. Solche Phasen können ein bis mehrere Jahre dauern. 

Manche sprechen auch nur vom Bärenmarkt, wenn der Kurs innerhalb von sechs Monaten um mindestens 20 Prozent zurückgeht. Eine Baisse kann durch eine Wirtschaftskrise entstehen, durch Anhebungen des Leitzinses, politische Unruhen oder einen Vertrauensverlust der Investoren. Für das Gegenteil stehen die Bullen mit der Hausse. Ein Bullenmarkt bedeutet anhaltend steigende Kurse. Gut für Optimisten: Ein Bullenmarkt dauert im Schnitt gut acht Jahre (der aktuelle läuft bereits zwölf Jahre), ein Bärenmarkt nur knapp 1,5 Jahre.

 

Kommt es 2021 zum nächsten Börsencrash?

Niemand weiß, wann es zum nächsten Crash am Aktienmarkt kommt. Das liegt geradezu in der Natur von Crashs, die auftreten, wenn man sie nicht erwartet. Der große Investor und Fondsmanager Peter Lynch sagt: "Niemand war je in der Lage, die Börse vorherzusagen. Es ist eine totale Zeitverschwendung." Das sagt der Manager des legendären Magellan-Fonds, der seinen Anlegern im Schnitt jährliche Renditen von 29 Prozent bescherte. 

Lynch meint außerdem: "Es wurde weitaus mehr Geld durch Anleger vernichtet, die sich auf Korrekturen vorbereitet haben oder versucht haben, Marktkorrekturen vorwegzunehmen, als durch die Korrekturen selbst vernichtet wurde." Besonders Crash-Prophezeiungen sind nur etwas für Witwe Schlotterbeck mit ihrer Glaskugel aus "Räuber Hotzenplotz".

Wie sieht die Anlegerstimmung aktuell aus? Typischerweise geht einem Crash Euphorie voraus. Eine Börsenweisheit lautet: "Bullenmärkte sterben in Euphorie". Was sagt der Fear and Greed-Index von CNN business, der Angst und Gier an den Märkten misst?

Quelle: Screenshott CNN.

Die Stimmung an den Börsen befindet sich in der Mitte zwischen Angst und Gier. CNN nennt es "neutral". Man könnte auch sagen "ausgewogen". Das Sentiment spricht derzeit also nicht gerade für einen Crash.

 

Zeigt der Warren-Buffett-Indikator einen Börsencrash 2021 an?

Jüngst tauchten Warnungen wegen des Warren-Buffet-Indikators auf. Aktien seien zurzeit völlig überteuert. Der Indikator misst das Verhältnis zwischen dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA und dem Aktienindex Wilshire 5000, der alle US-Unternehmen an der Börse enthält: also das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Aktienbörse. Dieser Quotient beträgt derzeit rund 230 Prozent. So viel höher stehen die US-Aktien als die US-Wirtschaft. 

Was sagt das aber über die Gefahr eines Crashs aus? Der große Investor Warren Buffett versteht den nach ihm benannten Indikator nur als Kennzahl mit begrenzter Prognosekraft. Vor dem Platzen der Dotcom-Blase belief sich der Indikator auf 118 Prozent, zu Beginn der Subprime-Krise auf 100 Prozent. Die Buffett-Kennzahl hätte damals niemanden misstrauisch gemacht.

Zudem unterschätzt der Indikator die Rolle der Notenbanken und der Geldpolitik. Aktien steigen seit langem im Gleichklang mit der Geldmenge, und gerade die hat sich in der Corona-Krise stark erhöht. Außerdem verdienen die großen US-Unternehmen ihr Geld global und nicht begrenzt auf die USA. Daher greift es zu kurz, nur die Wirtschaft der USA zum Vergleich mit den US-Aktien heranzuziehen.

 

Führt eine Überbewertung von Aktien zu einer Blase und einem Börsencrash 2021?

Oft liest man, dass Aktien global viel zu hoch bewertet seien und eine Blase erzeugt hätten. Daher sei ein Crash zu erwarten. Für die Berechnung der Bewertung zieht man verschiedene Kennzahlen wie etwa das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zurate,bei dem man den Börsenkurs durch den Gewinn je Aktie teilt. 

Das sogenannte Shiller-KGV zum Beispiel verwendet für den Gewinn den Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Es sei zuerst klargestellt, dass vor dem "Corona-Crash", Anfang 2020, der globale Aktienmarkt fair bewertet war. Aktien befanden sich keineswegs in einer Blase oder Bubble. Auch vor dem Börsencrash 1973 waren Aktien durchschnittlich bewertet und vor der Subprime-Krise 2008 nicht besonders teuer. Rekordhöhen erreichte das Shiller-KGV dagegen vor den Börsencrashs 1929 und 2000.

Daraus folgt, dass die Bewertung von Aktien nur eine von vielen Kennzahlen ist. Der britische Investor Jeremy Grantham betont, dass hohe Bewertungen allein kein ausreichender Hinweis auf eine Blase und deren Platzen seien. Aus einem KGV ist außerdem für Investoren nicht vorherzusehen, wo Umkehrpunkte im Verlauf liegen und wie sie ihr Handeln ausrichten sollen.

 

Was können Anleger im Börsencrash tun?

Wenn ein Crash da ist, scheint für Anleger die Welt unterzugehen. Angst geht um, Panik. In solchen Momenten gilt: Ruhe bewahren, unbedingt. Jeder Aktiencrash geht vorbei, und dann geht es wieder nach oben. Man sollte niemals einzelne Aktien verkaufen, weil es am gesamten Markt kracht, und auch breite Aktien-ETFs sollte man halten, weil sie langfristig nach oben streben. 

Für die nötige Gelassenheit ist ein langfristiger Ansatz wichtig: Buy & Hold. Oft ist es an der Börse das Beste, gar nichts zu tun. Man kann allgemein Rücksetzer auch dazu nutzen, um Aktien nachzukaufen. Das sollte aber immer nach einem System geschehen, nie aus dem Impuls heraus. Etwa bei minus zehn, 20 und 30 Prozent vom Hoch. Wie gut der Cost-Average-Effekt im "Corona-Crash" funktioniert hat, erklären wir im Youtube-Video.

Was fühlt Finanzexperte und Bestseller-Autor („Schatz, ich habe Aktien gekauft! Wie Sie die Angst vor der Börse verlieren und Ihr Geld vermehren.“) Christian Thiel bei einem Crash? Thiel ist überzeugter Anhänger von Buy & Hold und investiert nur langfristig. Kennt auch er die Unsicherheit, die bei abstürzenden Kursen um sich greift? "Aber ja", sagt er. "Es ist kein angenehmes Gefühl." Und was tut er dagegen? "Ich mache dann zunächst einmal Folgendes: Erstens schaue ich nicht hin. Das kann ich auch anderen Anlegern nur raten. Wozu soll es gut sein, sich diese hässlichen roten Zahlen anzuschauen? Zweitens mache ich einen Plan, wann und wie ich in der Krise nachkaufe. Nur wer nachkauft, kann eine Krise zu seinem Vorteil nutzen. Jetzt sind Aktien billig." Soll man einen Crash gar zum Market-Timing nutzen? "Wer sich zutraut, das Ende zu erkennen, der kann dann gerne kaufen. Nach meiner Erfahrung schafft das von einer Million Menschen ungefähr einer."

Deshalb kauft Thiel nach den erwähnten prozentualen Marken nach. "Psychologisch ist das Kaufen in fallende Kurse hinein am einfachsten. Wenn die Kurse wieder steigen, dann fällt es den meisten Menschen schwerer." Thiel nennt den "Corona-Crash" eine "Mega-Korrektur", in der er nachgekauft hat. "Mit der Erfahrung wächst auch der Mut. Zudem hilft Wissen. Je steiler es bergab geht, desto steiler geht es anschließend wieder nach oben." Kennt Thiel also keine Angst mehr an der Börse? "Ganz ehrlich: Was ich wirklich fürchte, das ist eine "lost decade" wie wir sie in den 1970er Jahren hatten. Oder dann wieder von 2000 bis 2009. Das könnte auch für mich und meine Nerven unangenehm werden. Wobei meine Nerven ja auch deshalb so gut sind, weil ich das Geld, was im Markt liegt, nicht brauche."

Und wie beruhigt man sich beim Gedanken an ein "verlorenes" Jahrzehnt? "Was tatsächlich hilft, das ist Wissen über die Börsenhistorie. Ken Fisher mit seinem 'Little Book of Market Myths' ist da eine große Hilfe." Noch ein abschließender Tipp? "Meide die Börsenmedien. Wenn es schlecht läuft, verbreiten sie Pessimismus. Sie verstärken damit unsere Panik. Besonnene Beobachter der Börse haben dann dort keine Chance."

 

Wie ETF-Anlagestratege Gerd Kommer im Börsencrash agiert

Dr. Gerd Kommer ist ist eine eine Koryphäe in Finanzsachen: Bestseller-Autor, Investment-Banker, Vermögensverwalter (Gerd Kommer Capital) und Finanzberater. Er folgt einem langfristigen, passiven Buy & Hold-Ansatz auf wissenschaftsbasierter Sicht. Kennt er bei sich auch Unsicherheit, wenn die Börsen crashen? "Ja, ab einem starken Downturn in meinem Depot von, sagen wir, 20 Prozent setzt auch bei mir ein Unbehagen ein, das dann allmählich nagender wird, je weiter es runter geht. Bei weniger als 20 Prozent eigentlich nicht. Dafür kenne ich den Aktienmarkt zu gut."

Und wie beruhigt Kommer seine Psyche? "Ich versuche dann, mich mit Gedanken und Fakten wie den folgenden zu beruhigen: '20 Prozent Einbruch im globalen Aktienmarkt, das hat's in den letzten 120 Jahren rund 15 Mal gegeben, das ist völlig normal' oder 'Bei allen anderen Asset-Klassen gibt’s das auch – bei Immobilien, bei Gold, bei Anleihen, bei Kryptowährungen, es wär Dir deswegen sowieso passiert' oder 'Früher oder später siehst du wieder Gewinne im Depot' oder 'Du brauchst das Geld ja jetzt nicht, warum regst du dich auf?' "

Schließlich hat ein Aktiencrash für einige Anleger sogar Vorteile: "Dann zwinge ich mich, noch an all die jungen Leute zu denken, die altersbedingt noch nicht viel investiert haben, und die sich nun über günstige Einstiegskurse freuen können. Wenn man jung ist, sollte man jeden Tag für einen starken Crash bei Aktien und Immobilien beten, weil man davon wahrscheinlich finanziell profitiert, selbst dann, wenn man schon zum Beispiel 10.000 Euro investiert hat."

Jedenfalls lässt ein Börsencrash auch einen Gerd Kommer nicht kalt:"„Nein, ein bloßes Achselzucken ist es auch bei mir nicht, jedenfalls dann nicht, wenn's wirklich deutlich runter geht. Gegenüber einem normalen Privatanleger hab ich zusätzlich noch den Nachteil, dass ich mich in solchen Momenten auch frage, wie es jetzt meinen Mandanten geht, die ja auch so investiert sind wie ich, wenn auch nicht alle mit einer so hohen Aktienquote."

 

Die Vergangenheit lehrt: Auf einen Börsencrash folgt Erholung

Für das Verhalten in einem Börsenkrach kann man sich ein Zitat des Unternehmers und Fondsmanagers John Templeton als Orientierung nehmen: "The four most expensive words in the English language are 'this time it’s different.' " In einer Phase von Panik an den Börsen denkt man leicht, dass diesmal alles anders ist als zuvor, dass die alten Verhaltensregeln nicht mehr gelten. Ein Trugschluss. Darauf weist bereits hin, dass der "Corona-Crash" sich im Nachhinein gar nicht als Börsenkrach erwiesen hat. Was lässt sich aus vergangenen Crashs lernen?

Betrachten wir sechs wirkliche Crashs seit 1900. Gerd Kommer hat auf seinem Blog berechnet, wie die Kennzahlen bei Einbrüchen des globalen Aktienmarktes aussehen, die einen maximalen Verlust von 45 Prozent oder mehr aufweisen.

  • Erster Weltkrieg und Spanische Grippe: Dieser Crash dauerte von Ende 1916 bis Mitte 1920 (Tiefpunkt). In diesen knapp vier Jahren fielen die US-Börsen um 45 Prozent.
  • Große Depression ab 1929: Dieser Börsenkrach begann Mitte 1929 und erreichte den Tiefpunkt Mitte 1932. In diesen knapp drei Jahren fielen die US-Börsen um 79 Prozent. Das war der stärkste Verlust an den Aktienmärkten in den vergangenen 120 Jahren.
  • Zweiter Weltkrieg: Dieser Crash dauerte von Anfang 1937 bis Anfang 1942, mehr als fünf Jahre. Dies war der längste Zeitraum aller Crashs, den die Aktienkurse bis zum Tief brauchten. Die US-Börsen fielen um 47 Prozent.
  • Ölkrise: Dieser Börsenkrach dauerte von Anfang 1973 bis Ende 1974, knapp zwei Jahre. Bis zu diesem Tief verloren die Aktien der Weltbörsen 47 Prozent.
  • Dotcom-Blase: Dieser Crash dauerte von Anfang 2000 bis Mitte 2002, rund zweieinhalb Jahre. Bis zum Tiefpunkt verloren die Aktien der Welt 49 Prozent.
  • Subprime-Krise: Der große Finanzcrash dauerte von Ende 2007 bis Anfang 2009, gut ein Jahr. Die Weltbörsen gaben um 55 Prozent nach.
  • Im Schnitt dauerte ein Crash knapp drei Jahre. Die Aktienmärkte verloren durchschnittlich 54 Prozent.

 Das liest sich gruselig. Doch wie sah es nach den Crashs aus?

  • Zwei Jahre nach dem Tiefpunkt erreichten die Aktienbörsen eine kumulierte Rendite von 74 Prozent, wenn man den Durchschnitt der sechs Crashs bildet. Der niedrigste Gewinn nach 24 Monaten betrug 38 Prozent (Ölkrise), der höchste 149 Prozent (Große Depression).
  • Fünf Jahre nach dem Tiefpunkt erreichten die Aktienbörsen eine kumulierte Rendite von durchschnittlich 138 Prozent. Der niedrigste Gewinn nach 60 Monaten betrug 42 Prozent (Ölkrise) der höchste 309 Prozent (Große Depression).

Die Sonne geht also immer wieder auf. Und mehr noch: Sie scheint hinterher meist sogar noch heller.

 

JP Morgan rät: "Kaufe immer am Allzeithoch!"

Ein populärer Börsenspruch lautet: "Buy the dip!" Kaufe also bei einem Einbruch. Das kann man bei einem Crash so handhaben, wenn man langfristig denkt und weiß, dass die Märkte auf lange Sicht steigen. Man kann aber auch anders vorgehen und bei All-Time-Highs kaufen. So empfiehlt es etwa die Großbank JP Morgan in einer Studie.

Denn die Regel lautet: Auf ein Allzeithoch folgt nicht etwa ein Tief, sondern ein neues Allzeithoch. Ein guter Punkt für Investments. Langfristig gesehen ist die Börse ein Ort für Menschen mit begründetem Optimismus: "Investiere immer am Allzeithoch", rät JP Morgan also. Wie die Bank vorrechnet, haben solche Optimisten die Skeptiker übertrumpft, die zu allen anderen Zeitpunkten investiert haben. Warum aber sollte das so sein? Es widerspricht den oft zu hörenden Warnungen, dass die Aktienmärkte schon zu hoch gestiegen seien.

 Der MSCI World seit 1970 / Chart: onvista.de.

 

Hochs sind ein Normalfall an der Börse

Schaut man sich die Börsenkurven auf lange Sicht an, dann sieht man: Die Aktienmärkte befinden sich meistens auf einem Hoch oder nahe am Rekord. Wenn man auf Abstürze wartet, verpasst man die gesamten Rallyes. Ein Crash dagegen ist schneller vorbei, als man denkt. Die Börse bestraft das ständige Zögern. JP Morgan berechnet:

  • Hätte man seit 1988 an einem beliebigen Tag in den S&P 500 investiert (inkl. Dividenden), hätte man im nächsten Jahr in 83 Prozent der Fälle Geld verdient, im Schnitt plus 11,7 Prozent.
  • Hätte man nur an Tagen investiert, an denen der S&P 500 auf Allzeithoch schloss, dann hätte man nächstes Jahr in 88 Prozent der Fälle Geld verdient, im Schnitt plus 14,6 Prozent.
  • Bezogen auf drei Jahre sähe das Verhältnis so aus: Rendite von 39,1 Prozent bei Investment an beliebigen Tagen und Rendite von 50,4 Prozent bei Investment zu Allzeithochs.
  • Bezogen auf fünf Jahre hätte man mit Investments an beliebigen Tagen 71,4 Prozent erzielt, bei Investments zu All-Time-Highs jedoch 78,9 Prozent.

Der S&P 500 seit 1928 / Chart: onvista.de.

Langfristig steigen die Aktienbörsen. Einzelne Werte fallen immer aus der Statistik, aber vom Steigen des gesamten Marktes kann man als Anleger gut mit einem breit diversifizierten Aktienportfolio profitieren oder mit marktbreiten ETFs. Allerding zählt auch hier die richtige Anlagestrategie

Es gibt den regelrechten Beruf des Crash-Propheten, der mit Angstmache Geld verdient. Viele Medien greifen gern solche Finanz-Pornographie auf, weil sie sich gut verkauft. Rationale Anleger sollten sich jedoch an den Rat von JP Morgan aus der Studie halten: "Es gibt Gründe (und es wird sie immer geben), sich über die Aussichten für die Börse Sorgen zu machen. Wir betonen jedoch weiterhin, wie wichtig es ist, das Gesamtbild längerfristig zu betrachten."

Auch Mitte Februar, als die Medien voll von Crash-Sorgen waren, sahen die Strategen von JP Morgan keine unmittelbare Gefahr. Sie rieten Anlegern dazu, investiert zu bleiben: "Wenn das Wachstum über dem Trend liegt, die Geldpolitik ultralocker ist und die Fiskalpolitik auf Hochtouren läuft, neigen die Märkte dazu, die finanzielle Variante des Newton’schen Gesetzes zu zeigen: Sie bleiben in Bewegung, bis eine andere Kraft auf sie einwirkt."

Fazit: An der Börse geht es auf und ab – langfristig aber nach oben.

Gerade in turbulenten Zeiten mit häufigen Crash-Prognosen hilft es, sich an grundlegende Erkenntnisse zu erinnern und sich nicht verrückt machen zu lassen. Wer einen langfristigen Anlagehorizont von zehn bis 20 Jahren mitbringt und zwischenzeitliche Kurseinbrüche zum Nachkaufen nutzt, dürfte sich mit hoher Wahrscheinlichkeit über ansehnliche Renditen freuen.

Artikel Quellen

Die im Artikel verwendeten Quellen stammen in erster Linie aus Primärquellen wie zum Beispiel Studien, Analysen, Bundesstatistiken, Geschäftsberichte oder Interviews mit Branchenexperten. Gegebenenfalls verweisen wir auch auf Originalrecherchen anderer seriöser Verlage. In unseren  Redaktionellen Richtlinien erfahren Sie mehr über die Kriterien, die wir bei der Erstellung genauer und unvoreingenommener Inhalte einhalten.
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https://www.gerd-kommer-invest.de/corona-crash/
https://www.jpmorgan.com/wealth-management/wealth-partners/insights/top-market-takeaways-is-it-worth-considering-investing-at-all-time-highs
https://www.cnbc.com/2020/02/27/heres-how-long-stock-market-corrections-last-and-how-bad-they-can-get.html


Über den Autor Alexander Rudow
Geboren 1972 in Münster/Westfalen. Bereits während seines Jura-Studiums und anschließenden Referendariats schrieb Alexander als freier Journalist für verschiedene regionale Tageszeitungen. Nach Absolvierung des zweiten Staatsexamens arbeitete er einige Zeit als Anwalt in eigener Kanzlei. Darüber hinaus war er in einer Warschauer Kanzlei tätig, wo er sich intensiv mit den deutsch-polnischen Handelsbeziehungen beschäftigte. Ebenfalls in Warschau unterrichtete er Deutsch als Fremdsprache am Österreich-Institut. 2010 entdeckte Alexander seine Leidenschaft für die Börse. Er ist glühender Verfechter der Buy-and-Hold-Strategie. Sein Depot umfasst ausgewählte Einzeltitel und ein ETF-Weltportfolio. Für biallo.de schreibt Alexander Börsen- und Aktien-Ratgeber. Dazu ist er als Lektor und freier Autor von Sachbüchern und in der Belletristik tätig.
  Alexander Rudow
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