Auf einen Blick
  • Kanadas Wachstum ist ins Stocken geraten. Die Wirtschaft des zweitgrößten Landes der Erde ist stark von den USA abhängig.

  • Hoffnungen ruhen auf dem neuen Freihandelsabkommen USMCA zwischen den USA, Kanada und Mexiko.
  • Für risikobereite Anleger verspricht Kanada durchaus Nervenkitzel: Cannabis-Produzenten und Goldminen-Aktien werden derzeit rege gehandelt.

Verhältnismäßig jung, gutaussehend, smart und liberal – Premierminister Justin Trudeau ist zumindest politisch der größte Exportschlager Kanadas. Auch deshalb, weil er der Gegenentwurf zu Donald Trump ist, dem umstrittenen Präsidenten der USA. Der Haken daran ist allerdings, dass Kanada wirtschaftlich vom mächtigen Nachbarn abhängig ist.

Wachstum hat sich deutlich abgekühlt

Über 75 Prozent der Exporte gehen in die USA. Deshalb ist das neue nordamerikanische Freihandelsabkommen USMCA zwischen den USA, Kanada und Mexiko fast überlebensnotwendig für das nach Russland zweitgrößte Land der Erde. Allerdings ist das Abkommen aufgrund von politischen Querelen ins Stocken geraten und muss noch von den Parlamenten in den USA und Kanada ratifiziert werden.

Das Wachstum Kanadas ist – auch wegen eines Pipeline-Problems mit den USA – ins Stocken geraten. "Im Jahr 2017 waren es noch drei Prozent. Jetzt sind es nur noch 1,5 Prozent", sagt Ulrich Stephan gegenüber biallo.de. Der Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank sieht ziemlich viel Risikopotenzial im Land der Ahornblätter.

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Kredit- und Immobilienblase

"Die Immobilienblase in den Großstädten hat sich zum Glück in letzter Zeit nicht weiter ausgeweitet. Besorgniserregend ist aber die hohe Verschuldung der Haushalte. Zudem leidet das Land unter der 'holländischen Krankheit' – es konzentriert sich zu sehr auf Rohstoffe und Energie", so Stephan.

Die Performance des kanadischen Aktienmarktes seit Jahresbeginn ist dennoch beachtlich. Der kanadische Leitindex S&P/TSX Composite liegt rund zwölf Prozent im Plus und braucht sich vor dem großen US-Bruder, dem S&P 500 (gut 13 Prozent seit Jahresanfang) nicht zu verstecken.

Vor allem Technologie-, Pharma- und Healthcare-Werte sowie Industrie-Aktien liefen gut. Viel Spielraum nach oben dürfte aber nicht mehr sein. Mit ein Grund ist die Monowirtschaft mit der Abhängigkeit von Rohstoffen, deren Preise bis auf wenige Ausnahmen weit entfernt von alten Höchstständen sind. Außerdem hat sich die Lage an den internationalen Aktienmärkten aufgrund der weltweiten Rezessionssorgen stark eingetrübt.

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Abhängigkeit von Rohstoffen

Kanada ist der weltweit größte Produzent von Zink, Uran und Schwefel, mischt auch bei der Produktion von Gold, Aluminium und Eisenerz in der Weltspitze mit. Die riesigen Waldflächen machen das Land zum weltgrößten Papier- und Zellstoffproduzenten und durch die gewaltigen Erdöl- und Erdgasvorkommen ist Kanada eines der wenigen Länder der Erde, das Netto-Exporteur von Energie ist. Das spiegelt sich auch im kanadischen Aktienindex wider, in dem Rohstoff-Unternehmen und Finanzinstitute wie die Royal Bank of Canada an der Spitze jeweils ein gutes Drittel ausmachen.

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Eine breite Diversifizierung bei der Anlage ist hier wirklich schwierig, ein zukunftsgerichteter Umbau der Wirtschaft weg von der Abhängigkeit von Rohstoffen/Energie kaum erkennbar. Lediglich der Dienstleistungssektor boomt. "In diesem Umfeld sind die Perspektiven für den Aktienmarkt nicht gerade gut", sagt Stephan.

Für die, die trotzdem auf eine positive Entwicklung kanadischer Werte setzen wollen, gibt es Angebote wie den Lyxor MSCI Canada UCITS ETF, der seit Jahresanfang in Euro gerechnet rund 17 Prozent im Plus liegt. Allerdings sollten Anleger das Währungsrisiko beachten, schließlich befindet sich der Euro gegenüber dem kanadischen Dollar seit Anfang August leicht im Aufwind.

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Cannabis-Aktien für Zocker

Echten Zockern bieten sich an der Börse von Toronto zudem weitere Chancen: Hier sind zahlreiche junge Unternehmen gelistet, die ihr Glück in der Exploration von Zukunfts-Rohstoffen wie Lithium oder auch Gold setzen. Einige davon haben Erfolg ­– und bescheren ihren Aktionären gigantische Gewinne. Ebenfalls in einem sprichwörtlichen Höhenrausch waren in den letzten Jahren Cannabis-Aktien, die allerdings zuletzt deutliche Einbußen hinnehmen mussten.

Die liberale Trudeau-Regierung hat Kiffen auch für den privaten Gebrauch legalisiert. Kanadier, die mindestens 18 Jahre alt sind, dürfen bis zu 30 Gramm getrocknetes Cannabis besitzen und konsumieren. Premierminister Justin Trudeau hat übrigens in einem Interview zugegeben, selbst fünf oder sechs Mal gekifft zu haben: "Aber es hat mir nie viel gebracht."

Märchenhafte Gewinne konnten Anleger verbuchen, die zur richtigen Zeit auf den Cannabis-Boom gesetzt haben. Stephan: "Das war ein echter Hype. Aber inzwischen sind die Aktien der Unternehmen in dieser Branche nicht mehr billig. Viele Leute finden es zwar cool, da zu investieren, aber ich wäre eher vorsichtig."

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Fazit: Kanada ist wegen der großen Risiken kein Geheimtipp für Anleger. Wer besonders risikobereit ist, kann auch in junge Rohstoff-Unternehmen oder profitable Cannabis-Produzenten investieren. Ein Totalverlust ist dann allerdings auch möglich!




  Lars Becker

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