Wenn der Zins explodiert

Restschuldversicherung Wenn der Zins explodiert

von biallo.de
22.01.2018
Auf einen Blick
  • Banken binden an Ratenkredite häufig eine Restschuldversicherung. Nachteil: Der effektive Zins steigt um ein Vielfaches.

  • Der tatsächliche effektive Zins wird in Kreditverträgen mit Restschuldversicherungen in der Regel nicht ausgewiesen.

  • Die Prämie für die Restschuldversicherung muss man bereits zum Versicherungsbeginn als Einmalbetrag im Voraus zahlen bzw. mitfinanzieren.
Artikelbewertung
Teilen
Schrift

Die wichtigen Details hebt sie hervor, jede Stelle streicht die Kreditberaterin mit gelbem Filzstift an, als sie das Angebot erläutert. Nettodarlehensbetrag, Laufzeit, Ratenhöhe, Gesamtbetrag, Sondertilgungsmöglichkeiten. Den Absatz in fetten schwarzen Lettern auf Seite eins überspringt sie. Kein Wort von der "günstigen Restschuldversicherung", mit der sich der Ratenkredit absichern lässt.

Erst nachdem sie das Angebot mit dem Kunden durchgegangen ist, sagt sie: "Was wir empfehlen, ist eine Ratenversicherung." Sie blättert auf die zweite Seite der Standardinformationen und kringelt ein Nein ein. "Der Schutz ist kein Muss", sagt die Chefin einer Sparda-Filiale in München.

Was der Tester von biallo.de in dem Münchner Geldhaus erlebt hat, scheint eher die Ausnahme zu sein. Immer wieder beschweren sich Verbraucher, dass Bankberater ihnen gegenüber so getan hätten, als gebe es den Ratenkredit nur in Verbindung mit einer Restschuldversicherung.

Was selten stimmt. Und nicht nur im Gespräch versuchen Banken, Kreditnehmern die Versicherung unterzuschieben. Auch Online-Formulare sind in vielen Fällen so programmiert, dass der Schutz automatisch mit beantragt wird, das Häkchen zum Abwählen der Option nicht leicht zu finden ist.

Verborgen bleibt in den meisten Fällen, was das Häkchen für die Zinsen bedeutet. Denn wenn der Kunde den Zusatzvertrag aus freien Stücken abschließt, muss die Bank die Kosten nicht in den effektiven Jahreszins einrechnen. Das besagt die Preisabgabenverordnung. Allein wenn die Bank Kredit und Versicherung in ein Junktim bindet, muss sie den Zins neu kalkulieren.

Was ist eine Restschuldversicherung?

Eine Restschuldversicherung ist an sich eine gute Sache. Sie schützt den Kreditnehmer bzw. dessen Angehörige vor einem möglichen Zahlungsausfall in Folge von:

  • Krankheit,
  • unfallbedingter Invalidität,
  • unverschuldeter Arbeitslosigkeit und Tod.

Erleidet der Kreditnehmer einen dieser Schicksalsschläge, springt die Restschuldversicherung ein und übernimmt die Ratenzahlungen bzw. die komplette Restschuld im Todesfall. Dadurch sind auch die Hinterbliebenen des Kreditnehmers geschützt, die sonst für die Schulden des Erblassers haften. Grundsätzlich sind drei Versicherungsmodelle bei der Restschuldversicherung zu unterscheiden:

Basis-Absicherung: Absicherung nur im Todesfall. Stirbt der Kreditnehmer, übernimmt der Versicherer die Restschuld des Darlehens zum Zeitpunkt des Todesfalls. Somit werden die Erben des Kreditnehmers finanziell entlastet. Allerdings sollten Sie die Versicherungsbedingungen hier genau unter die Lupe nehmen. Denn einige Anbieter haben in ihren Verträgen Klauseln, welche die Leistungen im Todesfall begrenzen oder ausschließen – zum Beispiel bei bestimmten Vorerkrankungen.

Kombi-Absicherung: Die Versicherung begleicht die Restschuld nicht nur im Todesfall, sondern auch bei unfall- oder krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit des Kreditnehmers – und zwar ab dem Zeitpunkt, ab dem der Kreditnehmer keine Lohnfortzahlung mehr erhält. Achtung: Ist der Kreditnehmer nur vorübergehend arbeitsunfähig, übernimmt die Versicherung nur die monatlichen Ratenzahlungen während der Dauer der Arbeitsunfähigkeit. Auch hier gilt: Ein genauer Blick in die Versicherungsbedingungen ist unverzichtbar.

Komplett-Absicherung: Hier ist neben Tod und Arbeitsunfähigkeit auch die unverschuldete Arbeitslosigkeit abgesichert. Unverschuldet bedeutet, dass der Kreditnehmer nicht selbst gekündigt hat oder verhaltensbedingt gekündigt wurde. In der Regel übernimmt der Versicherer bei unverschuldeter Arbeitslosigkeit maximal zwölf Monatsraten. Bei den meisten Anbietern gibt es zudem eine Wartezeit bzw. Karenzzeit von jeweils drei Monaten sowohl zum Beginn der Vertragslaufzeit als auch ab Eintritt der Arbeitslosigkeit, sodass Sie im ungünstigsten Fall bis zu sechs Monate warten müssen, bis Sie überhaupt eine Leistung erhalten.

Finger weg vom klassischen Koppelgeschäft

Für den Kreditgeber hat die Restschuldversicherung drei entscheidende Vorteile: Zum einen sinkt für ihn das Risiko eines Zahlungsausfalls. Zweitens erhält er meist eine Abschlussprovision, die sich auf bis zu 30 Prozent der Versicherungsprämie beläuft.

Und drittens kassiert er für die Prämie auch noch Zinsen, da die Police meist vom Kreditinstitut mitfinanziert wird. Verständlich, dass Banken und Sparkassen im Rahmen von Kreditverhandlungen gerne eine Restschuldversicherung anbieten. Genau das ist Verbraucherschützern auch ein Dorn im Auge.

Immer wieder beschweren sich Verbraucher, dass Bankberater ihnen gegenüber so getan hätten, als gebe es den Ratenkredit nur in Verbindung mit einer Restschuldversicherung. Was selten stimmt. Und nicht nur im Gespräch versuchen Banken oder Sparkassen, Kreditnehmern die Versicherung unterzuschieben. Auch Online-Formulare sind in vielen Fällen so programmiert, dass der Schutz automatisch mit beantragt wird, das Häkchen zum Abwählen der Option nicht leicht zu finden ist.

Damit sollte eigentlich bald Schluss sein. Am 23. Februar 2018 tritt nämlich die europäische Richtlinie für den Versicherungsvertrieb (IDD) in Kraft. Banken müssen künftig Verbraucher besser über Restschuldversicherungen informieren.

Doch Verbraucherschützer sind alles andere als zufrieden. Zwar sei in der neuen EU-Richtlinie geregelt, dass Verbraucher umfassend beraten und informiert werden müssen. Das eigentliche Problem bleibe aber bestehen.

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen hatte gefordert, dass Kreditinstitute und Kreditvermittler gesetzlich dazu verpflichtet werden, Restschuldversicherungen nur separat und nicht gekoppelt an einen Kreditvertrag anzubieten. Stattdessen können Banken weiterhin Restschuldversicherungen zusammen mit einem Kredit verkaufen.

Verbraucherschützer nehmen Banken ins Visier

Um Verbraucher künftig besser gegen überhöhte Kreditzinsen zu schützen, wurde ein bundesweites Bündnis gegen Wucher gegründet. Mit dabei sind neben den Verbraucherzentralen aus Sachsen und Hamburg auch das Institut für Finanzdienstleistungen (IFF). Gemeinsam haben sie den Wucher-Banken den Kampf angesagt und wollen mehr Rechtssicherheit für Verbraucher schaffen.

"Viele sind unsicher, wann es sich um Wucher handelt und welche Rechte ihnen zustehen. Das wollen wir ändern", erklärt Andrea Heyer von der Verbraucherzentrale Sachsen. Man wolle die Unternehmen zu einer verantwortungsvollen Kreditvergabe mit neuen Produkten bewegen, so die Verbraucherschützerin.

Die Kosten einer Restschuldversicherung

Wie hoch die Kosten einer Restschuldversicherung ausfallen, hängt von der individuellen Situation des Kreditnehmers und der Höhe der Kreditsumme ab. Häufig ist aber von zehn bis 15 Prozent der Nettokreditsumme auszugehen.

Wenn Sie dieses Koppelgeschäft aus Kredit und Restschuldversicherung eingehen, werden die Kosten der Police in der Regel bei Auszahlung des Kreditbetrages auf einen Schlag fällig. Die Bank überweist dann die gesamte Summe an die Versicherung und erhält ihre Provision.

Was viele nicht wissen: Die Kreditvergabe hängt – zumindest offiziell – nicht vom Abschluss der Versicherung ab. Und die Kosten für die Restschuldversicherung sind in der Regel nicht im Effektivzins einberechnet.

Diese Praxis des Koppelgeschäfts wird seit Jahren von verschiedenen Instituten praktiziert, wie etwa von der Targobank oder Santander Consumer Bank. Bei der Kreditaufnahme werde Verbrauchern mehr Sicherheit durch eine Restschuldversicherung suggeriert, doch der eigentliche Nutznießer sei in diesem Fall die Bank, so Verbraucherschützer.

"Viele Betroffene sind psychisch stark belastet, weil sie die Raten kaum noch oder nicht mehr aufbringen können. Nicht selten kann die Situation nur über eine Verbraucherinsolvenz gelöst werden. Hier muss etwas passieren", sagt IFF-Direktor Dirk Ulbricht.

Wie deutlich der Effektivzins durch den Abschluss der Police steigen kann, verdeutlichen die beiden folgenden Beispiele:

Für Banken ist die Restschuldversicherung ein lukratives Zusatzgeschäft. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die meisten Banken versuchen, Ihnen zusammen mit dem Kredit eine Restschuldversicherung anzubieten. Sie sind allerdings nicht dazu verpflichtet, solch eine Versicherung abzuschließen – auch wenn die Bank versuchen sollte, Druck auf Sie auszuüben. 

Wichtig ist, dass Sie daraufhin nicht einfach nachgeben, sondern der Bank die Stirn bieten. Sie haben zwei Möglichkeiten: 

Restschuldversicherung zu teuer? Kündigen Sie!

Vielleicht sind Sie aber auch schon auf den Rat Ihrer Bank eingegangen und haben eine Restschuldversicherung abgeschlossen. Wenn das gerade erst der Fall war, können Sie die Versicherung noch innerhalb von 30 Tagen widerrufen. Wenn Sie die Restschuldversicherung kündigen möchten, gibt es zwei Möglichkeiten: Die ordentliche Kündigung oder das Sonderkündigungsrecht zum Beispiel durch Umschuldung. 

Ordentliche Kündigung

Wenn Sie von einer ordentlichen Kündigung Gebrauch machen möchten, müssen Sie im Vertrag nachschauen, an welche Fristen Sie sich hier zu halten haben. Mit einer Kündigung gehen zwar die Abschlusskosten und auch die bereits gezahlten Prämien verloren – Sie können sich aber immerhin anteilig die Prämien für die verbleibende Laufzeit zurückholen.

Sonderkündigungsrecht

Wenn Sie den Kredit umschulden oder das Darlehen vorzeitig tilgen möchten, besteht ein Sonderkündigungsrecht für Ihre Restschuldversicherung. Allerdings müssen Sie trotzdem eine gesonderte Kündigung aussprechen und die Versicherung auffordern, Ihnen anteilig Prämien zurück zu zahlen. Wenn Sie das Darlehen vorzeitig zurückzahlen, entfällt damit der Versicherungszweck. Deshalb entsteht ein Sonderkündigungsrecht. Sie brauchen die Restschuldversicherung schlichtweg nicht mehr.

Risikolebensversicherung bei Immobilienkrediten

Anders als bei Ratenkrediten, kann es durchaus sinnvoll sein, die Restschuld einer Baufinanzierung abzusichern. Dabei geht es vor allem darum, die Hinterbliebenen finanziell zu schützen, falls der Kreditnehmer stirbt, bevor das Darlehen zurückgezahlt ist.

Dazu schließen Sie am besten eine Risikolebensversicherung ab. Die Versicherungssumme kann in diesem Fall gleichbleibend über die gesamte Laufzeit sein, oder sie kann auch parallel zur Restschuld fallen.

Häufige Fragen zum Thema Restschuldversicherung

Was genau ist eine Restschuldversicherung?

Bei der Restschuldversicherung ist der Name Programm: Sie sichert eine aktuell bestehende Restschuld eines mittel- oder langfristigen Kredits ab. Die Restschuldversicherung ist vergleichbar mit einer Risikolebensversicherung. Allerdings wird kein Kapital aufgebaut, sondern für den vereinbarten Versicherungsfall ausschließlich das Risiko einer verbleibenden Restschuld versichert. Anders als eine klassische Risikolebensversicherung passt sich hier die Versicherung der Resthöhe des Kredits an. Sie wird also kleiner, je mehr bereits getilgt ist. Zudem wird die Versicherungsprämie nicht in Raten, sondern mit einer Einmalsumme bezahlt. Restschuldversicherungen sind teuer. Der effektive Jahreszins schnellt mit einer solchen Police sofort in die Höhe. 

Warum stehen Restschuldversicherungen so häufig in der Kritik?

Restschuldversicherungen sind häufig sehr teuer und treiben die gesamten Kreditkosten in die Höhe. Immer wieder gab es Urteile, die zu hohe Berechnungssätze der Versicherer festgestellt haben. Häufig stehen die hohen Kosten in keinem Verhältnis zu den Leistungen. Viele Klauseln bei den Versicherungen schließen eine Leistung im Ernstfall aus und der Versicherte steht mit leeren Händen da.

Wie lange kann ich meine abgeschlossene Restschuldversicherung widerrufen?

Voreilig abgeschlossene Versicherungen können innerhalb von 30 Tagen nach Vertragsabschluss widerrufen oder jederzeit gekündigt werden. Wer bereits einen Ratenkredit abbezahlt hat, sollte sich seinen alten Vertrag noch mal genau durchsehen. Denn anders als bei Immobilienkrediten greift bei Ratenkrediten weiterhin das "ewige" Widerrufsrecht – vorausgesetzt die Widerrufsbelehrung im Vertrag ist falsch. Verbraucherschützer stellen fest, dass die entsprechenden Texte oft fehlerhaft oder unvollständig sind, vor allem wenn mit dem Kredit eine sogenannte Restschuldversicherung abgeschlossen wurde.

Wer kann sich mit einer Restschuldversicherung absichern?

Arbeitnehmer und Teilzeitkräfte, die mindestens 15 Stunden in der Woche beschäftigt sind, können eine Restschuldversicherung in Anspruch nehmen. Sie müssen mindestens 18 Jahre alt sein und dürfen ein bestimmtes versicherbares Höchstalter noch nicht überschritten haben.

Ist bei einer Restschuldversicherung eine Gesundheitsprüfung erforderlich?

Bei der Restschuldversicherung ist keine Gesundheitsprüfung erforderlich – anders als bei einer Risikolebensversicherung. Doch beachten Sie: Bereits bekannte Vorerkrankungen oder Folgen eines Unfalls sind in den ersten – häufig zwei – Jahren grundsätzlich vom Versicherungsschutz ausgeschlossen. Denken Sie aber daran, dass die Zahlung bei Arbeitsunfähigkeit an viele Bedingungen geknüpft ist. Es kann also sein, dass die Versicherung nicht zahlt. 

Gibt es Höchstversicherungssummen bei der Restschuldversicherung?

Die Höhe der Beiträge und die damit versicherten Summen sind von Anbieter zu Anbieter verschieden. Als Faustregel gelten bei Arbeitslosigkeit und Arbeitsunfähigkeit monatliche Raten in Höhe von maximal 1.500 Euro bei einem Höchstdarlehen von 50.000 Euro. Die Höchstsumme für das Todesfallrisiko liegt bei 75.000 Euro.

Ihre Meinung ist uns wichtig
biallo.de
Jetzt Artikel bewerten
E-Mail an den Autor
biallo.de
E-Mail an den Autor
Artikelbewertung
Teilen
Drucken
Zur Startseite
biallo.de
E-Mail an den Autor
Newsletter
Keine News mehr verpassen
Bitte geben Sie eine korrekte E-Mail Adresse ein:

Regeln für das Schreiben von Kommentaren:

  1. Kommentieren Sie sachlich und ohne persönliche Angriffe.
  2. Verfassen Sie keine Beiträge mit strafbarem, diskriminierendem, rassistischem, anstößigem, beleidigendem oder kommerziellem Inhalt und verweisen Sie nicht auf Seiten mit solchem Inhalt.
  3. Stellen Sie weder zu lange Texte noch Bilder ein, außer, wenn es unbedingt nötig ist.
  4. Veröffentlichen Sie keine personenbezogenen Daten Dritter, wie Namen, Adressen, Telefonnummern oder E-Mail-Adressen.
  5. Wenn Sie persönliche Mitteilungen oder Texte anderer Verfasser einstellen oder Kommentare anderweitig veröffentlichen möchten, beachten Sie die Rechte Dritter. Bei einer Verletzung dieser Rechte (z.B. Persönlichkeitsrecht, Urheberrecht, Datenschutz) haften Sie.
  6. Sie haben die Möglichkeit, Ihren Benutzernamen frei zu wählen. Sie sollten aber im eigenen Interesse markenrechtlich geschützte Namen vermeiden.

Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de