Altersvorsorge

Wenn Selbstständige ihre Beiträge nicht mehr zahlen können

Update: 04.06.2020
Auf einen Blick
  • Selbstständige in Geldnot können bei der gesetzlichen Rentenversicherung eine Beitragssenkung beantragen.

  • Bei privaten Altersvorsorge-Verträgen kommen Beitragsstundungen oder ein Ruhendstellen des Vertrages in Frage.

  • Selbstständige können Arbeitslosengeld II beantragen. Das Jobcenter übernimmt dann unter Umständen indirekt die Altersvorsorge-Beiträge.
Reicht das Geld hinten und vorne nicht, könnn Selbstständige vorübergehend ihre Altersvorsorge-Beiträge senken oder stunden.
pathdoc / Shutterstock.com

Gesetzlich Versicherte: Beitragssenkung beantragen

Selbstständige, die in der gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert sind, können eine Anpassung ihrer Beiträge an ihr aktuelles Einkommen beantragen. Wenn Sie über die Künstlersozialkasse versichert sind, können sie der Kasse einfach ihr gesunkenes Einkommen mitteilen. Entsprechend sinken die Beiträge. Andere pflichtversicherte Selbstständige können die sogenannte Sozialklausel nutzen. Wenn der laufende Gewinn aus selbstständiger Tätigkeit voraussichtlich um mindestens 30 Prozent niedriger ist als das Arbeitseinkommen, nach dem bislang die Rentenversicherungsbeiträge bemessen wurden, können die Beträge gesenkt werden – gegebenenfalls bis auf den Mindestbeitrag, der zurzeit bei 83,70 Euro liegt.
Als Nachweis des gesunkenen Einkommens akzeptiert die Deutsche Rentenversicherung in der derzeitigen Krisensituation in der Regel eine eigene gewissenhafte Schätzung des Gewinns. Hierauf ist, so heißt es in den Weisungen der Rentenversicherung, als letzte Möglichkeit zurückzugreifen, wenn der Nachweis nicht anderweitig geführt werden kann.

Private Altersvorsorge: Alternativen zur Kündigung

Wer mit einer "klassischen" privaten Rentenversicherung oder einem Rürup-Vertrag fürs Alter vorsorgt, sollte bei Zahlungsschwierigkeiten umgehend mit seinem Versicherer Kontakt aufnehmen. Je nach Vertrag bieten sich hier verschiedene Möglichkeiten an: Vom einfachen zeitweisen Aussetzen der Einzahlung über die zeitweise Beitragsstundung (und spätere Nachzahlung) oder eine Ratenzahlungsvereinbarung bis hin zur Ruhendstellung von Verträgen. Gegebenenfalls können Betroffene auch Zusatzversicherungen kündigen.
Eine Kündigung des kompletten Vertrags ist – sieht man von Rürup-Renten ab – in den meisten Fällen wohl möglich. Doch dann bekommen Versicherte oft sogar weniger heraus als sie eingezahlt haben und außerdem verlieren sie immer ihre Altersvorsorge. Da ist es schon weit sinnvoller, über den eigenen Schatten zu springen und beim Jobcenter Arbeitslosengeld II zu beantragen.
Rechner girobusiness
3
 
Anbieter
monatliche Grundgebühr
 
1.
0,00
2.
0,00
3.
0,00

Verträge müssen nicht aufgelöst werden

Das Jobcenter lässt die bestehenden Alterssicherungsverträge von Selbstständigen meist unangetastet. Das gilt derzeit erst recht, denn nun greifen bei ALG-II-Anträgen, die bis Ende Juni 2020 gestellt werden, erleichterte Bedingungen bei der Vermögensprüfung. So werden beispielsweise für eine vierköpfige Familien Rücklagen im Wert von 150.000 Euro als "nicht erheblich‘" akzeptiert. Rücklagen in dieser Höhe stehen also einem Anspruch auf Arbeitslosengeld II nicht entgegen.
Rürup- und Riester-Verträge müssen ohnehin nicht gekündigt werden, bevor ALG II gezahlt wird. Und eine klassische private Kapitallebensversicherung kann gegebenenfalls durch eine Vertragsanpassung so umgestaltet werden, dass sie Hartz-IV-sicher ist. Informationen hierzu kann auch der Versicherer geben.

Beiträge werden indirekt übernommen

"Auch Selbstständige werden vom Jobcenter mit Arbeitslosengeld II unterstützt und ihre Altersvorsorge kann angerechnet werden", erklärt Christian Ludwig, Sprecher der Bundesagentur für Arbeit. Bei pflichtversicherten Selbstständigen mindern die in die Rentenkasse gezahlten Beiträge das anrechenbare Einkommen. Entsprechend steigt dann das ausgezahlte Arbeitslosengeld II.
Manche Selbstständige, die ihren eigenen Lebensunterhalt und den ihrer Familie mit ihrem Einkommen noch so gerade selbst sicherstellen können, haben allein wegen ihrer monatlichen Einzahlung in die Rentenkasse Anspruch auf ALG II. Bei Selbstständigen, die privat fürs Alter vorsorgen, zählen die gezahlten Beiträge zu den Absetzposten. "Angemessen" müssen sie allerdings sein.
"Sachgerecht ist dabei ein Vergleich mit den Beiträgen, die bei bestehender Rentenversicherungspflicht zu zahlen wären", erklärt Ludwig. Bei einem monatlichen Gewinn von 1.500 Euro wäre beim derzeitigen Beitragssatz von 18,6 Prozent ein Monatsbeitrag von 279 Euro angemessen. Selbstständige ALG-II-Bezieher, die so viel für ihre Alterssicherung monatlich aufbringen, erhalten entsprechend mehr Geld vom Jobcenter – und können so ihre Zahlungsverpflichtungen erfüllen.



  Rolf Winkel


 
 
 
 
Powered by Telsso Clouds