Grundrente gegen Altersarmut

Ratgeber der Woche Grundrente gegen Altersarmut

Rolf Winkel
von Rolf Winkel
20.05.2019
Auf einen Blick
  • Die Pläne von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) zur Grundrente werden in Berlin derzeit heftig diskutiert.

  • Das Konzept sieht vor, dass Beitragsjahre von langjährig Versicherten mit niedrigem Verdienst für die Rente aufgewertet werden.

  • Schon heute gibt es solche Aufwertungen. Wen das betrifft und wie es funktioniert, erfahren Sie im folgenden Ratgeber.
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Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat Anfang Februar sein Konzept für eine Grundrente vorgelegt. Danach soll drei bis vier Millionen Geringverdienern die Rente um maximal 448 Euro monatlich erhöht werden. Eine Bedürftigkeitsprüfung soll es nicht geben. Bekommen sollen sie all jene, die 35 Jahre mit Beitragszahlung, Kindererziehung oder Pflegetätigkeit aufweisen.

Das Konzept erinnert an die Rente nach Mindestentgeltpunkten, die heute bereits für einige Beschäftigungszeiten gilt. In diesem Ratgeber stellen wir diese, auch heute noch geltende, Regelung (allerdings nur für Beschäftigungszeiten vor 1992) sowie die Regelungen zur Höherwertung von Kindererziehungszeiten bis zum zehnten Geburtstag eines Kindes und von Ausbildungszeiten vor. Abschließend informieren wir Sie über das derzeit vorliegende Konzept der Grundrente.

Lesen Sie auch: Grundrente, wer soll das bezahlen?

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Mütter, Azubis, Geringverdiener: Wie die Rentenaufwertung heute schon funktioniert

Sie ist fast in Vergessenheit geraten: Die alte – 1992 ausgelaufene – Rente nach Mindestentgeltpunkten. Doch es handelt sich hier keineswegs um Schnee von gestern. Nach aktuellen Auswertungen der Deutschen Rentenversicherung Bund profitierten hiervon Ende 2017 noch 3,6 Millionen Rentenbezieher. Sogar 156.000 Renten, die 2017 erstmals bewilligt wurden, wurden noch nach der alten Mindestentgelt-Regelung aufgewertet. Die Regelung findet sich in Paragraf 262 SGB VI, der die Überschrift "Mindestentgeltpunkte bei geringem Arbeitsentgelt" trägt. Zeiten mit niedrigem Arbeitsentgelt werden danach für die Rente um maximal 50 Prozent aufgewertet.

Folgendes Beispiel zeigt, wie sich die entsprechende Regelung günstigenfalls auswirken kann:

Nehmen wir eine Arbeitnehmerin, die im Jahr 1977 versicherungspflichtig beschäftigt war und in ihrer Teilzeitbeschäftigung monatlich 1.000 DM verdient hat. Das durchschnittliche Jahresarbeitsentgelt aller Rentenversicherten betrug damals 24.945 DM, das entspricht einem monatlichen Bruttoentgelt von 2.078,75 DM. Geringe Verdienste aus der Zeit vor 1992 können auf maximal 75 Prozent des Durchschnittsentgelts aller Arbeitnehmer im jeweiligen Jahr aufgewertet werden – das waren im Jahr 1977 monatlich 1.559,06 DM. Zugleich ist die Aufwertung aber auf maximal 50 Prozent der eigenen Einkünfte begrenzt.

Für unsere Beispielarbeitnehmerin bedeutet dies, dass ihr Arbeitsentgelt auf genau 1.500 DM hochgewertet werden kann. In Entgeltpunkte umgerechnet bedeutet dies: Statt 0,48 Entgeltpunkte können ihr für das Jahr 1977 0,72 Entgeltpunkte gutgeschrieben werden. Damit würde – übertragen in den aktuellen Rentenwert, der ab Juli 2019 für die alten Bundesländer gilt – ihre Monatsrente immerhin um rund acht Euro erhöht. Hat die Betroffene etwa 20 Jahre auf diesem Niveau gearbeitet, so kommt insgesamt durch die Rentenaufwertung ein Rentenplus von ca. 160 Euro zusammen. Die skizzierte Regelung greift allerdings nur, wenn eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt ist:

35 Jahre rentenrechtliche Zeiten

Nur für diejenigen, die zum Zeitpunkt des Rentenbeginns 35 Jahre rentenrechtlicher Zeiten nachweisen können, kommt eine Aufwertung von Beitragszeiten mit niedrigem Entgelt in Frage. Diese Bedingung ist noch relativ leicht zu erfüllen. Denn hier zählen nicht nur Pflichtbeitragszeiten, sondern auch Anrechnungszeiten (etwa fürs Studium oder Zeiten der Arbeitslosigkeit), Zurechnungszeiten und Berücksichtigungszeiten (wegen Kindererziehung oder wegen Pflege).

Geringe persönliche Entgelte im "Lebensschnitt"

Wer nur einige Jahre ein niedriges Arbeitsentgelt hatte, im Durchschnitt seines Arbeitslebens jedoch mehr verdient hat, kann von der Regelung in Paragraf 262 SGB VI zu den Mindestentgeltpunkten nicht profitieren. Wichtig ist dabei: Es kommt nicht auf das durchschnittliche relative Einkommen in der Zeit bis Ende 1991 an, sondern hier wird das gesamte Arbeitsleben in den Blick genommen. Für alle Kalendermonate mit vollwertigen Pflichtbeiträgen muss der Durchschnittswert nämlich unter 0,0625 Entgeltpunkten liegen.

Zur Erläuterung: Dieser Wert ergibt sich, wenn man den Jahreswert von 0,75 Entgeltpunkten durch zwölf Monate teilt. Wenn Sie beispielsweise 40 Jahre beitragspflichtig beschäftigt waren und in dieser Zeit auf 29,5 Entgeltpunkte kommen, erfüllen Sie die zweite Voraussetzung so gerade noch. Die 29,5 Entgeltpunkte werden dann nämlich durch 480 Kalendermonate geteilt. Das ergibt einen Schnitt von 0,0614 Entgeltpunkten, was noch knapp unterhalb der Grenze des Erlaubten ist.

Biallo-Tipp: Hier kann sich die paradoxe Situation ergeben, dass ein (späteres) höheres Arbeitsentgelt nicht zu einer höheren, sondern zu einer niedrigeren Rente führt. Dies gilt immer dann, wenn das höhere Entgelt zur Folge hat, dass der individuelle Durchschnitt den Wert von 0,0625 Entgeltpunkten erreicht oder überschreitet. Gegebenenfalls fallen dann einige Entgeltpunkte möglicher Höherbewertung für Zeiten mit niedrigen Einkommen vor 1992 weg. Im Einzelfall kann es sich daher lohnen, genau zu rechnen und unter Umständen die eigenen rentenversicherungspflichtigen Einkünfte zu senken - etwa durch eine betriebliche Altersvorsorge per Entgeltumwandlung.

Keine Bedürftigkeitsprüfung

Laut des Protokolls der entscheidenden Ausschusssitzung, bei der am 3. November 1989 über die Einführung dieser Rentenaufwertung verhandelt wurde, erläuterten Mitglieder von CDU/CSU, SPD und FDP unisono, dass so "erfahrungsgemäß die Niedriglöhne von Frauen ausgeglichen würden". Eine Bedürftigkeitsprüfung – wie derzeit aus Kreisen der Union bei der neuerlich diskutierten Grundrente gefordert – gibt es bei der Altregelung nicht und sie war hier auch niemals in der Diskussion.

Nur für Zeiten bis Ende 1991

Zeiten ab 1992 werden unter Umständen im Rahmen der Regelung zu den Kinderberücksichtigungszeiten hochgewertet (siehe 2.).

Höherbewertung von Zeiten mit niedrigem Arbeitsentgelt vor 1992

 

Durchschnittsentgelt aller Versicherten

Eine Höherbewertung der Einkünfte ist möglich, wenn das Einkommen niedriger war als … DM

 

im jeweiligen Kalenderjahr (DM)

im Jahr

im Monat

1972

16.335,00

12.251,25

1.020,94

1973

18.295,00

13.721,25

1.143,44

1974

20.381,00

15.285,75

1.273,81

1975

21.808,00

16.356,00

1.363,00

1976

23.335,00

17.501,25

1.458,44

1977

24.945,00

18.708,75

1.559,06

1978

26.242,00

19.681,50

1.640,13

1979

27.685,00

20.763,75

1.730,31

1980

29.485,00

22.113,75

1.842,81

1981

30.900,00

23.175,00

1.931,25

1982

32.198,00

24.148,50

2.012,38

1983

33.293,00

24.969,75

2.080,81

1984

34.292,00

25.719,00

2.143,25

1985

35.286,00

26.464,50

2.205,38

1986

36.627,00

27.470,25

2.289,19

1987

37.726,00

28.294,50

2.357,88

1988

38.896,00

29.172,00

2.431,00

1989

40.063,00

30.047,25

2.503,94

1990

41.946,00

31.459,50

2.621,63

1991

44.421,00

33.315,75

2.776,31

Quelle: eigene Recherche.

Kinderberücksichtigungszeit

= Aufwertung von Zeiten der Kindererziehung bis zum zehnten Geburtstag eines Kindes

Zeiten der Kindererziehung honoriert der Gesetzgeber auch ohne eigene Beitragsleistung: Für Kindererziehungszeiten werden Pflichtbeiträge angerechnet. Diese Anrechnung bewirkt – auch ohne eigene Beitragsleistung – eine Erhöhung des Rentenanspruchs. Das gilt jedoch nur für die ersten drei Lebensjahre eines Kindes.

Lesen Sie auch: Was Kinder für die Rente bringen

Aber auch für die Zeit ab dem dritten Geburtstag des Kindes gibt es (für Zeiten ab 1992) einen allerdings wenig bekannten Vorteil bei der Rente. Das Stichwort heißt hier "Kinderberücksichtigungszeit". Darunter versteht man die Zeit vom Tag der Geburt bis zur Vollendung des zehnten Lebensjahres des Kindes. Die ersten drei Jahre werden dabei ohnehin als Kindererziehungszeiten anerkannt und bei der Rente berücksichtigt. Es geht damit um die sieben Jahre zwischen dem dritten und zehnten Geburtstag eines Kindes.

Die Kinderberücksichtigungszeit beeinflusst den Wert von sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungszeiten. Diese können in dieser Zeit höhergewertet werden - soweit die Betroffenen in der Berücksichtigungszeit weniger als der Durchschnitt aller Rentenversicherten verdient haben.

Wie die Höherbewertung funktioniert

Mütter sind (und waren) vielfach Teilzeitbeschäftigte. Für sie trifft diese Voraussetzung in der Regel zu. Der jährliche Durchschnittsverdienst der Rentenversicherten ist für 2019 vorläufig auf 38.901 Euro (rund 3.200 Euro brutto im Monat) angesetzt. Niedrigere Arbeitsentgelte, die Mütter zwischen dem dritten und zehnten Geburtstag ihres Kindes erzielen, werden – was die Rente betrifft – maximal auf diesen Betrag hochgewertet, aber zugleich nie um mehr als 50 Prozent.

Hierzu ein Beispiel: Eine Teilzeitangestellte verdient derzeit monatlich 1.700 Euro brutto, das entspricht einem jährlichen Einkommen von 20.400 Euro. Dieses Einkommen wird rententechnisch auf 30.600 Euro hochgewertet. Eine solche Höherbewertung ist in Kinderberücksichtigungszeiten ab 1992 immer dann möglich, wenn das persönliche Entgelt niedriger war als das Durchschnittsentgelt aller Versicherten. Wie hoch das Durchschnittsgelt in den Jahren seit 1992 war, können Sie der folgenden Tabelle entnehmen.

Durchschnittsentgelt aller Versicherten

1992

46.820 DM

2006

29.494 €

1993

48.178 DM

2007

29.951 €

1994

49.142 DM

2008

30.625 €

1995

50.665 DM

2009

30.506 €

1996

51.678 DM

2010

31.144 €

1997

52.143 DM

2011

32.100 €

1998

52.925 DM

2012

33.002 €

1999

53.507 DM

2013

33.659 €

2000

54.256 DM

2014

34.514 €

2001

55.216 DM

2015

35.363 €

2002

28.626 €

2016

36.187 €

2003

28.938 €

2017

37.077 €

2004

29.060 €

2018*

37.873 €

2005

29.202 €

2019*

38.901 €

*vorläufige Werte

Vorteile gelten nicht für Minijobs ohne Rentenversicherungsschutz

Aufgewertet werden nur sozialversicherungspflichtige Beschäftigungszeiten, nicht jedoch Zeiten einer geringfügigen Beschäftigung, soweit diese nicht rentenversicherungspflichtig ist. Zu beachten ist jedoch: Seit 2013 gelten Minijobs im Standardfall – soweit der Arbeitnehmer keine andere Erklärung abgibt – als rentenversicherungspflichtig. Die Rentenversicherungspflicht wird jedoch zumeist abgewählt.

Von dieser Möglichkeit sollten insbesondere Mütter (aber gegebenenfalls natürlich auch Väter) in der Kinderberücksichtigungszeit keinen Gebrauch machen. Denn nur so können sie von der Aufwertung der Beschäftigungszeit profitieren. Ein voller 450-Euro-Job wird im Aufwertungsfall bei der Rente immerhin wie ein 675-Euro-Job behandelt.

Extra-Zuschlag bei mehreren Kindern

Eine Sonderregelung gilt für Mütter (aber auch für Väter, wenn diese die Erziehung übernehmen), die zwei oder mehr Kinder unter zehn Jahren gleichzeitig erziehen. Den Betroffenen wird, auch ohne Berufstätigkeit, für jedes Jahr ab dem vierten Lebensjahr eines Kindes ein Rentenanspruch anerkannt, als ob sie jährlich ein Arbeitseinkommen im Wert von einem Drittel Entgeltpunkt erzielt hätten.

Wer profitiert von den Kindererziehungs- und Berücksichtigungszeiten?

Von der Erziehungszeit profitiert im Regelfall – ganz traditionell – die Mutter. Wenn beide Elternteile das Kind gemeinsam betreuen, können sie sich jedoch die Kindererziehungszeit, auch unabhängig vom jeweiligen Erziehungsanteil, aufteilen. Dabei können sie allerdings nicht einfach "Halbe-Halbe" machen, nach dem Motto: Beide Elternteile erhalten für die ersten drei Lebensjahre des Kindes je einen halben Entgeltpunkt. Das funktioniert nicht. Die Eltern können vielmehr nur die Zeiten aufteilen.

Sie können also beispielsweise festlegen, dass die ersten zwölf Monate der Kindererziehungszeit der Mutter und die folgenden 24 Monate dem Vater zu Gute kommen. Eine entsprechende gemeinsame Erklärung müssen die Eltern ausdrücklich und rechtzeitig abgeben – und zwar mit Wirkung für die Zukunft und nur zwei Monate rückwirkend für die Vergangenheit. Dann wird die Kindererziehung ohne weitere Belege und – ohne dass das Amt nachfragt – genauso aufgeteilt, wie die Eltern es wünschen. Sie kann durch diese einfache Erklärung auch "willkürlich" einem Elternteil (etwa dem Vater) zugeordnet werden, der sich kaum um die Kindererziehung gekümmert hat.

Achtung: Bei der Erziehungszeit gilt der Grundsatz: "Eine Erziehungszeit ist dem Elternteil zuzuordnen, der sein Kind erzogen hat". Diese Grundregel steht als Satz 1 am Anfang von Paragraf 56 Absatz 2 SGB VI. Das bedeutet: Rentenversicherungsrechte von Vätern, die ihr Kind tatsächlich erzogen haben, erlöschen nicht dadurch, dass die Eltern es verpasst haben, rechtzeitig eine Erklärung abzugeben, dass der Vater das Kind erzieht beziehungsweise erzogen hat. Dass der Vater das Kind überwiegend erzogen hat, kann jederzeit, beispielsweise in einem Kontoklärungsverfahren oder auch erst bei der Rentenantragstellung geltend gemacht werden. Das hat das Bundessozialgericht schon am 16. Dezember 1997 klargestellt (Az.: 4 RA 60/97).

Klar ist jedoch: Der oben skizzierte Weg der rechtzeitigen gemeinsamen Erklärung ist weit einfacher. Eine nachträgliche Zuordnung der Zeiten zum Vater erfordert eventuell einen beträchtlichen Begründungsaufwand und bringt "Scherereien" und gegebenenfalls sogar sozialgerichtliche Auseinandersetzungen.

Die Berücksichtigungszeiten wegen Kindererziehung sollten im Standardfall – so die Deutsche Rentenversicherung Bund – "nach Ablauf der Berücksichtigungszeit (also zehn Jahre nach der Geburt) beantragt werden, da die Zeiten nicht für die Zukunft, sondern nur für die Vergangenheit vorgemerkt werden können".

Eine Höherbewertung von Beschäftigungszeiten kann man der Rentenauskunft des Rentenversicherungsträgers entnehmen. Die eigentliche Höherbewertung erfolgt allerdings erst bei der tatsächlichen Rentenberechnung.

Welche Rentner-Jahrgänge profitieren von den Kinderberücksichtigungszeiten?

Zusatz-Entgeltpunkte für Berücksichtigungszeiten wegen Kindererziehung können bei Neurentnern seit Anfang 2002 gutgeschrieben werden. Voraussetzung ist dabei, dass die Betroffenen 25 Jahre mit rentenrechtlichen Zeiten nachweisen können. Das fällt allerdings meist nicht allzu schwer, da bei diesen 25 Jahren auch Kinderberücksichtigungszeiten mitgerechnet werden.

Eine Entgeltgutschrift ist möglich für Kinderberücksichtigungszeiten ab 1992 – übrigens auch für vorher geborene Kinder, bis diese zehn Jahre alt sind. Für Zeiten vor 1992 ist, unabhängig von der Kindererziehung, eine Höherbewertung von Zeiten mit niedrigem Arbeitsentgelt möglich.

Das Grundrenten-Konzept des Bundesarbeitsministers

"Die Lebensleistung von Menschen, die jahrzehntelang gearbeitet, Kinder erzogen und Angehörige gepflegt haben, soll honoriert und ihnen ein regelmäßiges Alterseinkommen zehn Prozent oberhalb des Grundsicherungsbedarfs zugesichert werden." So steht es im Koalitionsvertrag, den CDU / CSU und SPD im März 2018 vereinbart haben. Die Grundrente, zu der Bundesarbeitsminister Hubertus Heil ein Konzept vorgelegt hat, soll diesen Auftrag umsetzen. Sie soll für Menschen, die jahrzehntelang gearbeitet haben und trotzdem nur eine gesetzliche Rente unterhalb des Existenzminimums bekommen, die Rente aufstocken. So soll die Altersarmut eingedämmt werden.

Wer mindestens 35 Jahre lang in Voll- oder Teilzeit gearbeitet und Sozialversicherungsbeiträge gezahlt, aber wenig verdient hat, soll im Alter nicht mehr in die Grundsicherung fallen. Auch Zeiten der Kindererziehung (Kinderberücksichtigungszeiten) oder der Pflege von Angehörigen sollen bei den 35 Jahren mit berücksichtigt werden. Die Rentenversicherung soll dann die erworbenen Rentenpunkte in der Zeit der beitragspflichtigen Beschäftigung automatisch hochwerten – dadurch steigt der bisher niedrige Rentenanspruch, und zwar nach dem derzeitigen aktuellen Rentenwert um maximal 448 Euro.

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Grundlage für die Aufwertung sollen die durchschnittlichen Beiträge im Erwerbsleben sein. Wer in einem Jahr genauso viel verdient wie der Durchschnitt aller gesetzlich Rentenversicherten, der bekommt für seine Rente genau einen Entgeltpunkt (EP) gutgeschrieben. Der Vorschlag des Arbeitsministers lautet: Wurden im Durchschnitt von 35 anerkannten Versicherungsjahren wenigstens 0,2 EP, höchstens aber (weniger als) 0,8 EP erworben, wird die Rente aufgewertet.

Wer in seinem ganzen Arbeitsleben auf dem Minijob-Niveau gearbeitet und verdient hat, kann von dem Konzept des Arbeitsministers nicht profitieren. Denn bei einem Minijob kann man pro Jahr nicht auf 0,2 EP kommen. Anders ist es bei denjenigen, die nur einige Jahre einen versicherungspflichtigen Minijob ausgeübt haben und danach deutlich mehr verdient haben. Sie kommen im Schnitt auf mehr als 0,2 EP - und dann könnte auch die Minijob-Zeit hochgewertet werden.

Grundrente und Grundsicherung im Alter

Die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung ist eine staatliche Fürsorgeleistung, die es nur bei Bedürftigkeit gibt. Sie bekommen derzeit nur Ältere, wenn sie weniger als 5.000 Euro Ersparnisse haben und ihr eigenes (Alters-)Einkommen und das ihres Partners gemeinsamen Haushalt nicht zur Existenzsicherung reicht. Die Grundsicherung liegt derzeit bei monatlich 424 Euro plus Wohn- und Heizkosten für angemessenen Wohnraum.

Die Grundrente dagegen ist eine Leistung der Rentenversicherung, die sich nicht an der Bedürftigkeit orientiert, sondern an der Lebensleistung eines Menschen. Wie hoch sie ausfällt, hängt von den individuellen Beiträgen ab. Der maximale Zuschlag gegenüber den bisher erworbenen Rentenansprüchen liegt bei 448 Euro pro Monat.

Für die meisten Rentnerinnen und Rentner würde die Grundrente reichen, um nicht in die Grundsicherung im Alter zu fallen. Wenn aber die Wohnung überdurchschnittlich teuer ist – zum Beispiel in Großstädten wie Hamburg oder München – oder wenn jemand wegen einer Behinderung höhere Kosten hat, kann es sein, dass die Grundrente nicht alles abdeckt.

Deswegen sehen die Vorschläge des Bundesarbeitsministers zusätzliche Maßnahmen vor. Diese betreffen unter anderem das Wohngeld.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil hat für Mai 2019 einen Gesetzesentwurf zur Grundrente angekündigt. Wenn sich die Koalition einigt, dann könnte die neue Regelung am 1. Januar 2021 in Kraft treten.

Keine Bedürftigkeitsprüfung

Anders als der Koalitionsvertrag sieht das Grundrenten-Konzept des Arbeitsministers keine Bedürftigkeitsprüfung vor, genauso wenig wie bei den derzeit schon bestehenden Regelungen zur Rentenaufwertung. Wer die Grundrente – soweit sie denn kommt – beziehen will, muss also seine eigenen Einkommens- und Vermögensverhältnisse nicht offenlegen – ebenso wenig diejenigen des im gemeinsamen Haushalt lebenden (Ehe-)Partners.

Aufwertung von Ausbildungszeiten

Die Berücksichtigung von Ausbildungszeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung wurde in den vergangenen Jahren weitgehend zusammengestrichen.

Zeiten der allgemeinen Schul-, Fachschul- und Hochschulausbildung sowie berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen sind nun nur noch Anrechnungszeiten ab dem vollendeten 17. Lebensjahr. Sie werden maximal bis zu acht Jahren angerechnet, aber seit 2009 nicht mehr bewertet, erhöhen also die Rente nicht. Anrechnungszeiten ohne Bewertung zählen nur für die Erfüllung von Wartezeiten. Ein Schulabschluss wird nicht mehr verlangt.

Betriebliche Berufsausbildung (Lehre)

Anders werden Zeiten einer betrieblichen Berufsausbildung behandelt. Ab dem ersten Arbeitstag besteht für Berufsanfänger die Pflicht, Beiträge zur "Solidargemeinschaft" zu zahlen. Jeder, der die Voraussetzung für die Mitgliedschaft in der Sozialversicherung erfüllt, ist kraft Gesetzes versicherungspflichtig. Jeder Auszubildende hat Beiträge zur gesetzlichen Renten-, Arbeitslosen-, Kranken- und Pflegeversicherung zu entrichten. Die Beiträge zur Rentenversicherung werden vom Arbeitnehmer und vom Arbeitgeber je zur Hälfte gezahlt. Ist die Ausbildungsvergütung niedriger als 325 Euro monatlich, zahlt der Arbeitgeber den vollen Beitrag.

Auszubildende führen zwar in der Regel aufgrund ihres niedrigen Verdienstes nur geringe Beiträge an die Rentenversicherung ab. In den meisten Fällen ist die Ausbildung für die spätere Rente allerdings deutlich mehr wert. Denn nachgewiesene betriebliche Ausbildungszeiten (nicht jedoch: Schul- und Studienzeiten) werden bei der Rentenberechnung in der Regel höherbewertet auf maximal 75 Prozent des Durchschnittsverdienstes aller Versicherten.

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Beispiel: Das Bruttoeinkommen während der Ausbildung beträgt 600 Euro monatlich, das macht 7.200 Euro im Jahr. Das (vorläufige) beitragspflichtige Durchschnittseinkommen (2019) aller Versicherten beträgt 38.901 Euro. 75 Prozent hiervon sind 29.175,75 Euro, auf den Monat umgerechnet 2.431 Euro. Die Ausbildungszeit wird – was die Rente betrifft – auf diesen Verdienst hochgewertet.

Dies gilt allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die versicherungspflichtigen Einkünfte des Betroffenen in seinem Arbeitsleben durchschnittlich mindestens 75 Prozent der Einkünfte aller Versicherten betrugen – andernfalls ist die Höherbewertung durch den niedrigeren individuellen Wert begrenzt. Wer beispielsweise im Schnitt nur 60 Prozent des Durchschnittseinkommens erzielt hat, bei dem wird die Ausbildungszeit auch nur auf maximal 60 Prozent des Durchschnittsverdienstes in den entsprechenden Jahren hochgewertet.

Pflichtbeiträge berufliche Ausbildung

Zeiten einer Lehre müssen im Rentenkonto auch tatsächlich als Ausbildungszeiten verzeichnet sein. Im Versicherungsverlauf muss für die entsprechenden Zeiten "Pflichtbeiträge berufliche Ausbildung" vermerkt sein. Eine Höherbewertung der Ausbildungszeiten erfolgt dann – soweit hierauf Anspruch besteht – automatisch. Doch vor allem bei Ausbildungen in den 60er und manchmal auch in den 70er Jahren ist die Azubi-Zeit mitunter als normale Beschäftigungszeit registriert. Sollte dies der Fall sein, so können Versicherte jederzeit eine Korrektur des Rentenkontos beantragen. Als Beleg reicht es in der Regel, wenn man den früheren Ausbildungsvertrag vorlegt.

Keine Bedürftigkeitsprüfung

Ob die Betroffenen als Rentner Vermögen haben und welche Einkommen sie außer der gesetzlichen Rente haben, interessiert die Deutsche Rentenversicherung nicht.

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ist unser Spezialist für alles, was mit den Sozialversicherungen und Sozialleistungen  zu tun hat. Er ist gelernter Sozialwissenschafter und schreibt seit 35 Jahren Sozialratgeber, unter anderem die vom DGB-Bundesvorstand herausgegebenen „111 Tipps für Arbeitslose - Arbeitslosengeld I“ und die „111 Tipps zu Arbeitslosengeld II und Sozialgeld“.

Seit 2005 arbeitet er für biallo.de und betreut die Monatszeitschrift "Soziale Sicherheit".

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