Interview

Anlagestratege Thaler: Diese Aktien sind krisenresistent

17.04.2020
Auf einen Blick
  • Anlagestratege Michael Thaler von der Top Vermögen AG hält es für möglich, dass die Aktienmärkte die März-Tiefs noch mal testen werden.

  • Als Absicherung empfiehlt Thaler unter anderen substanzstarke Werte, etwa aus dem Energie-, Pharma- oder Haushaltswarensektor. 

  • "Im Großen und Ganzen sind wir aus dem Corona-Crash bisher mit einem blauen Auge davongekommen", sagt Thaler.
Von wegen, abwarten und Kopf in den Sand stecken: Anleger sollten gerade jetzt aktiv sein!
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Während der Corona-Pandemie haben Vermögensverwalter alle Hände voll zu tun. Das Ziel: die Kunden gut durch die Krise zu lotsen. Das hat sich auch Diplom-Ökonom und Anlagestratege Michael Thaler auf die Fahnen geschrieben. Im Jahr 2006 ist er in das Unternehmen seines Vaters, der Top Vermögen AG am Starnberger See, eingestiegen. Heute ist er Vorstand und managt unter anderem den hauseigenen Top Vermögen Select Fonds. Im Interview mit biallo.de schätzt Thaler die aktuelle Lage an den Finanzmärkten ein und verrät, wie Anleger sich jetzt am besten aufstellen können.

Herr Thaler, mit welchen speziellen Herausforderungen sehen Sie sich dieser Tage privat wie auch beruflich konfrontiert?

Michael Thaler: Aus privater Sicht ist man als Familie gerade mit einer sehr besonderen Herausforderung konfrontiert. Der Staat reicht die Kinderbetreuung einfach an die Eltern weiter – egal wie man generell beruflich eingespannt ist. Da fragt man sich schon, warum für alles andere eine Lösung gefunden wird, aber für die Kinderbetreuung nicht. Das ist mit Sicherheit etwas, was ich nicht so schnell vergessen werde.

Beruflich gesehen ist es momentan ein tägliches Auf und Ab. Die letzten Tage geht es einem grundsätzlich jedoch immer besser. Nicht zuletzt, weil wir mit Herzblut dabei sind, was die Marktentwicklungen angeht und mit unseren Kunden regelrecht mitfühlen. Das ist eine Situation, die mit den schwierigen Jahren 2008 oder 2018 vergleichbar ist und die man eigentlich nicht erleben möchte.

Wo liegt für Sie der grundlegende Unterschied zur großen Finanzkrise 2008/2009?

Thaler: Tatsächlich war es so, dass die Bankenkrise viele unserer Kunden nicht greifen konnten. Die Ereignisse waren einfach zu abstrakt und die Folgen somit für viele Menschen nicht einschätzbar. Der Gesprächsbedarf der Kunden war deshalb ungleich höher, als er es jetzt ist. Das macht die aktuelle Lage in der Vermögensverwaltung etwas leichter.

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Dennoch: In anderen Bereichen herrscht geradezu Panik. Wie genau agieren Sie und Ihre Kunden derzeit?

Thaler: Grundsätzlich haben alle unsere Kunden einen Online-Zugang zu ihren Depots und können hier zeitnah ihr Anlagevermögen überwachen und beobachten. Jedoch ist mit Corona der Bedarf an persönlicher Beratung natürlich gestiegen. Mit den aktuellen Abstandsregelungen hat sich für uns das Telefongespräch in der Kommunikation und Kundenbeziehung bewährt. Aber auch per E-Mail ist der Informationsaustausch vergleichsweise hoch. Die Videoberatung ist natürlich auch eine Möglichkeit, bietet aber zum Telefonat nicht unbedingt mehr Vorteile.

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Der heftige Crash an den Aktienmärkten hat viele Kleinanleger verschreckt. Dabei kann jede Krise auch eine Chance sein.

Thaler: Absolut und aus der jetzigen Erfahrung kann ich sagen, dass die Mehrheit der Anleger das genauso sieht. Viele unserer Kunden melden sich bei uns und sagen, dass das zwar eine schlimme Sache ist, die da passiert, aber sie hätten noch Liquidität zur Verfügung, die sie gerne für die günstigen Kurse am Aktienmarkt einsetzen möchten. Das ist irre und das habe ich in dieser Form bisher noch nicht erlebt.

Das zeigt auch, dass der Anlagedruck aufgrund der Niedrigzinspolitik noch nicht wirklich vorbei ist und am Markt immer noch das übergreifende Thema ist. Zudem macht es den Anschein, dass unsere Kunden durch die vergangenen Krisen gestählt sind und keinen Grund zur Panik sehen. Das ist so außergewöhnlich, dass das bei einem selbst sogar ein gewisses Umdenken erfordert.

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Große Krisen führen unweigerlich zu Emotionen wie Unsicherheit und Verlustangst. Da ist die Gefahr groß, unüberlegte Entscheidungen zu treffen. Wie navigieren Sie Ihre Kunden aktuell durch diese außergewöhnlichen Zeiten?

Thaler: Angst und Unsicherheit sind in solchen Zeiten einfach nur menschlich. Bei Verlusten am Aktienmarkt wird der Fokus oft auf gefährdete Branchen gelegt – ein beliebter Anlegerfehler, von dem wir abraten. Bestes Beispiel: Bisher verging für mich kein Tag während der Corona-Pandemie, dass ich mit meinen Kunden nicht über die Lufthansa-Aktie gesprochen habe. Da müssen sich Anleger einfach selbst die Frage stellen: Warum sollte ich im Moment unbedingt in eine Lufthansa investieren?

Mein Tipp ist hier, dieses Papier vorerst nicht anzufassen. Klar kann sich diese Aktie in drei, vier Jahren verdoppeln, aber jetzt gerade steht das Unternehmen vor einer Staatsbeteiligung, was für Aktionäre eher schädlich ist. Da gibt es viele andere Unternehmen und ganze Branchen mit besserer Substanz, die derzeit auch günstig und möglicherweise von der Krise nicht so stark betroffen sind.

Welche wären das zum Beispiel?

Thaler: Wir haben unser Augenmerk auf die Pharma-Industrie gerichtet – da ist eine Roche zu nennen. Aber auch der Haushaltswaren-Sektor gewinnt für uns mit einer Procter & Gamble an Bedeutung. Letztendlich schauen wir natürlich auch, dass gewisse Devisen beigemischt werden. Im Großen und Ganzen sind wir aus dem Corona-Crash bisher mit einem blauen Auge davongekommen.

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Setzen Sie auch Absicherungsinstrumente ein?

Thaler: Wir haben bestimmte Absicherungsinstrumente angewandt, die auch sehr gut funktionieren. Gold ist zum Beispiel schon längere Zeit eine kleine Position in unseren Depots. Wir haben auch einen Short Call auf Credit Spreads. Das funktioniert wie folgt: Wenn die Konjunktur schwächelt, dann werden Unternehmen mit schlechter Bonität mehr Zinsen zahlen müssen. Dagegen kann man sich absichern und teilweise in homöopathischen Dosen in Short-Dax-Positionen investieren.

Der Markt für Unternehmensanleihen ist mehr oder weniger illiquide geworden. Damit bekommen Kunden viel zu schnell den Eindruck, dass sich ihr Depot in die falsche Richtung bewegt. Weiterhin ist das Stillhaltergeschäft, also Discount-Zertifikate, zu nennen. Hier können Anleger zwar selbst bei stark fallenden Kursen noch attraktive Renditen erwirtschaften. Aber dieses Potenzial hält der momentan starken Volatilität an den Märkten nicht Stand. Was aber nicht bedeutet, dass mit einer zukünftig normalen Volatilität gewisse Verluste nicht wieder aufgeholt werden können.

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Der Dow Jones hat eine Erholung von mehr als 25 Prozent in drei Wochen hingelegt. Kann man dem Braten trauen?

Thaler: Das wäre zu wünschen. Speziell in den USA, wo die Lage noch viel pressanter und verworrener als in Europa ist, ist es schon verwunderlich, dass die amerikanischen Anleger noch beherzter zugreifen als zuvor. Zumal bei vielen Werten wie zum Beispiel Boing oder United Technologies der Corona-Schock tief sitzt.

Gehen Sie davon aus, dass wir die März-Tiefs noch mal testen werden?

Thaler: Da gibt es einen Punkt, der in diesem Zusammenhang ausschlaggebend ist: Bald werden die neuen Quartalszahlen veröffentlicht. Da ist es aus Sicht der Unternehmen ein logischer Schluss, jetzt reinen Tisch zu machen und Altlasten obendrauf zu packen. Dann wird es die Schuld von Corona sein und nicht von bestimmten Personen oder irgendwelchen falschen Strategien. Da werden Anleger mit Sicherheit nochmal nervös werden und sich überlegen, ein zweites Standbein für gewisse Investitionen zu eruieren.

Aber man darf auch nicht ausblenden, dass das Coronavirus nicht in ein paar Wochen von der Bildfläche verschwinden wird. Vielerorts gehen die Zahlen der Infizierten zwar runter, jedoch woanders wieder nach oben. Da ist es nicht auszuschließen, dass die März-Tiefs nochmal auf den Prüfstand gestellt werden.

Viel wird natürlich auch davon abhängen, wie schnell sich die Wirtschaft von dem Schock erholen kann. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage als gelernter Ökonom ein?

Thaler: Es ist wie beim Menschen auch. Ein gesunder Mensch ohne Vorerkrankung wird das Virus gut überstehen. Genauso werden Unternehmen, die wirtschaftlich gesund dastehen, sich durch die Corona-Krise kämpfen können und deswegen nicht in die Insolvenz gehen. Demgegenüber werden es Wirtschaftszweige– wie die Textilindustrie mit ihrem Retailbereich oder auch Teile der Gastronomie– schwer haben, sich von der Krise schnell oder überhaupt zu erholen. Auch die Automobilbranche sowie die Öl- und Gasindustrie stehen schon längere Zeit vor strukturellen Herausforderungen. Diese Brandherde sind Risikofaktoren, die wenig immun gegen die zu erwartenden Corona-Auswirkungen sind.

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Betrag 10.000 €, Laufzeit 2 Jahre

Welche Branchen bieten für Sie im Moment die größten Chancen am Aktienmarkt?

Thaler: Da gibt es jede Menge, die unser Interesse wecken. Zum Beispiel die Versorgungsindustrie mit einer RWE in Deutschland oder einer Iberdrola in Spanien. Ebenso der Medizintechnik-Bereich mit einer Carl Zeiss Meditec oder Fresenius Medical Care gefallen uns sehr gut.

Sind Tech-Werte auch vielversprechend?

Thaler: Bei den IT-Größen wie Facebook oder Alphabet sind wir vorsichtig, weil die Unternehmenserfolge stark von Werbebuchungen abhängen. Aber am Online-Handel kommt man nicht mehr vorbei – vor allem in der jetzigen Situation, wenn der Einzelhandel noch längere Zeit geschlossen bleiben muss.

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Dann sehen wir auch große Chancen mit einem ganz besonderen Thema, der "fleischlosen Ernährung". Immer mehr Menschen verzichten auf Fleisch, Fisch, Eier, Milch, Käse, Joghurt, Honig und alles andere, das von Tieren stammt. Der vegane Lebensstil wird immer präsenter und zeigt, wie groß das Potenzial dieses Lebensmittelbereichs ist. Für Anleger sind vegane Aktien zudem nachhaltig, da sie damit in klimaneutrale Produkte investieren. Am Aktienmarkt gibt es auf der einen Seite die Vermarkter wie Unilever, Beyond Meat et cetera, die vegane Angebote in ihrer Produktpalette haben. Auf der anderen Seite sind auch rein vegane Unternehmen wie Sunrise Organics spannend.

Die sogenannten Robo-Advisor wollen den klassischen Vermögensverwaltern Marktanteile streitig machen. Sehen Sie die Robos als Konkurrenz?

Thaler: Aktuell werden rund 80 Prozent der Vermögensberatungskunden von großen Geschäftsbanken betreut. Verbleibende 15 Prozent sind heute Kunden von unabhängigen Vermögensverwaltern und nur circa fünf Prozent sind Selbstentscheider, die unter anderem auch Robo-Advice in Anspruch nehmen.

In den letzten Jahren konnten Robo-Advisor kostenbewusste und ansprechende Ergebnisse erreichen. Grundsätzlich ist es so, dass Kunden einer digitalen Vermögensverwaltung mit einem Startkapital von 20.000 Euro eine adäquate Angebotsauswahl nutzen können. Aber abseits davon, bleiben die Möglichkeiten und der Spielraum begrenzt.

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Wo Depotbanken sich etwas abschauen können, ist, für unsere Anleger das digitale Erlebnis zu verbessern. Aber das ist eine Thematik, woran bereits gearbeitet wird – so hat die V-Bank ihren Vermögens-Check erst kürzlich gelauncht. Somit sind Robos mit ihren digitalen Prozessen für uns weniger Konkurrenz, sondern mehr eine Chance.

Wenn jemand noch unschlüssig ist, ob er sein Geld lieber einem Robo oder einem menschlichen Berater anvertrauen soll: Mit welchen Argumenten können Sie ihn überzeugen?

Thaler: Das kann man nicht so einfach auf einen Nenner bringen. Das sind relativ simple Fragen, die man sich als Anleger für eine solche Entscheidung stellen sollte. In bestimmten Lebenssituationen möchte man als Finanzkunde aber einfach nicht mit einem Roboter, sondern mit einem menschlichen Berater sprechen. Da bleibt das traditionelle Vieraugengespräch der einzige Weg und gerade in unsicheren Zeiten ist das vielleicht auch der vertrauenswürdigere Weg.

Herr Thaler, besten Dank für das Interview.

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  Kerstin Weinzierl


 
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