Wie Anleger Verluste steuerlich geltend machen können

Geldanlage und Steuern Wie Anleger Verluste steuerlich geltend machen können

von Michael Schreiber
02.11.2018
Auf einen Blick
  • Banken und Fiskus unterscheiden strikt zwischen Altverlusten, die bis Ende 2008 entstanden sind, und Verlusten, die unter der Abgeltungsteuerpflicht ab 2009 aus Neuanlagen entstehen.

  • Für die Steuererklärung 2018 benötigen Anleger eine Verlustbescheinigung, wenn sie rote Zahlen mit dem Fiskus abrechnen wollen. Börsianer sollten sich den Termin 14. Dezember 2018 im Kalender vormerken.
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Durch die weltweite Talfahrt der Börsen haben Anleger seit Anfang Oktober hohe Kursverluste erlitten. Wer sich in dieser trüben Lage von seinen Wertpapieren getrennt hat, kann möglicherweise Steuern sparen - das lindert wenigstens etwas den Schmerz. Dazu muss man aber die steuerlichen Spielregeln genau kennen, denn längst nicht alle Verluste will das Finanzamt anerkennen. Viele Detailfragen zum Verlustabzug sind immer noch ungeklärt.

Wichtigste Grundregel: Hat man nur eine Bankverbindung, ist die Verlustverrechnung zunächst Aufgabe der Depotbank. Sie verrechnet automatisch Kursgewinne und Kursverluste aus allen Wertpapiergeschäften, die nach der Einführung der Abgeltungsteuer zum 1. Januar 2009 neu getätigt wurden. Das passiert auch unterjährig, ohne dass sich der Anleger um etwas kümmern muss. Hat er beispielsweise im Januar einen Kursgewinn von 1.000 Euro erzielt und darauf 250 Euro Abgeltungsteuer bezahlt und realisiert er im April einen Kursverlust von ebenfalls 1.000 Euro, zahlt die Bank die im Winter einbehaltenen 250 Euro Steuern direkt wieder aus.

Bleibt Ende 2018 aus allen Kapitalanlagen rechnerisch ein Verlust übrig, überträgt die Bank diesen Betrag zeitlich unbeschränkt in künftige Jahre, um ihn später mit künftig entstehenden Gewinnen und Kapitalerträgen zu verrechnen. Für Aktieninhaber gilt bei dieser Systematik allerdings eine Sonderregel: Ihre Verluste aus Aktiengeschäften dürfen nicht mit Gewinnen aus anderen Wertpapieranlagen verrechnet werden. Die Bank saldiert diese nur mit Gewinnen aus Aktiendeals.

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Zwei Töpfe für die Miesen

Damit die Depotbank diese vom Fiskus aufgestellten Spielregeln auch beachten kann, führt sie für jeden Sparer zwei getrennte Wertpapiertöpfe. Im ersten Topf werden Verluste aus Aktien und aktienähnlichen Wertpapieren wie REITS und Risikozertifikaten mit Andienungsrecht verbucht. Diese Verluste werden solange vorgetragen, bis der Sparer bei der gleichen Bank steuerpflichtige Gewinne aus Aktiengeschäften vorweisen kann. Erst dann nimmt die Bank automatisch eine Saldierung vor.

Im zweiten Verlusttopf speichert die Depotbank alle Transaktionen mit anderen Wertpapieren wie Anleihen, Fondsanteilen, Genussscheinen und Termingeschäften. Auch die beim Anleihekauf bezahlten Stückzinsen werden hier erfasst. Die beim Wertpapierhandel anfallenden Kaufnebenkosten wie Bankspesen und Maklercourtage zählen bei der Ermittlung der Anschaffungskosten und später bei der Abrechnung von Gewinnen und Verlusten voll mit.

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  • Tipp Ehepaare sind im Vorteil, wenn sie ihrer Depotbank einen gemeinsamen Freistellungsauftrag erteilt haben. Dann erfolgt eine konten- und depotübergreifende Verrechnung von Kursgewinnen - und Verlusten.Führt das Paar Depots bei verschiedenen Banken, kommt es allerdings auch weiterhin um eine Steuererklärung nicht herum.

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Anleger, die ihre Wertpapierdeals mit mehreren Banken abwickeln, müssen selbst aktiv werden, wenn sie ungenutzte Verluste bei einer Bank mit erzielten Kursgewinnen bei einer anderen Bank verrechnen wollen. Dazu müssen sich betroffene Sparer zunächst von ihrer Bank die am Jahresende ungenutzten Verluste bescheinigen lassen.Der Anleger verrechnet dann Verluste des einen Depots mit Gewinnen des anderen Depots über die jährliche Steuererklärung und lässt sich zu viel gezahlte Abgeltungsteuer vom Fiskus erstatten.

  • Biallo-Tipp:Für die Steuerabrechnung 2018 muss die Bescheinigung bis zum 14. Dezember 2018 bei der Depotbank beantragt werden.

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Einspruch einlegen

Um ihr Recht kämpfen müssen Anleger, die in den vergangenen Jahren mit Privatdarlehen oder hochverzinslichen Mittelstandsanleihen viel Geld verloren haben. Die Anleihen sind nach der Insolvenz von Pleitefirmen wie KTG Agrar und German Pellets wertlos – bereits realisierte Kursverluste dürfen die Banken allerdings nicht in den Verlusttopf einstellen. Der Grund ist eine Gesetzesänderung von Ende 2015.

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Danach müssen die Banken beim Abzug der Abgeltungsteuer die Verwaltungsmeinung des Fiskus berücksichtigen – auch wenn sie vielleicht anderer Meinung sind. Die Finanzämter gehen aber immer noch pro-fiskalisch davon aus, dass der Ausfall einer privaten Darlehensforderung steuerlich irrelevant ist. Im Klartext: Geht es nach dem Finanzamt, sollen Anleger ihre Verluste überhaupt nicht steuerlich geltend machen können.

Doch mit Urteil vom 24. Oktober 2017 (Az.: VIII R 13/15) hat der BFH klar gegen den Fiskus entschieden, dass Verluste aus privaten Darlehen doch steuerlich geltend gemacht werden können, wenn man verliehenes Geld von Freunden, Bekannten, Vereinen und Verwandten nicht zurückerhält. Das Urteil betrifft jedoch auch zahlreiche Anleger, die sich aufgrund der anhaltenden Zinsflaute auf riskante Geldanlagen mit Mittelstandsanleihen, Zertifikaten und Anbietern von Schneeballsystemen eingelassen haben und die dann bei den Millionenpleiten von Infinus, KTG Agrar, German Pellets, Prokon und anderen Pleitiers erhebliche Verluste ihrer eingezahlten Gelder verbuchen mussten.

Was bedeutet das Urteil?

Die Finanzämter müssen nun umdenken – das fällt ihnen aber sichtlich schwer. Ein offizielles Statement der Behörden zu der neuen Rechtslage steht immer noch aus. Man berät intern immer noch, wie man mit dem teuren Richterspruch umgehen möchte (Kurzinformation der OFD Nordrhein-Westfallen vom 23. Januar 2018).

Vor dem Bundesfinanzhof ist zu der gleichen Rechtsfrage ein weiteres Verfahren anhängig (Az.: X R 9/17) – vielleicht hofft man hier auf ein für den Fiskus positiveren Richterspruch. Allerdings ist hier eher nicht zu erwarten, dass der zuständige zehnte Senat des obersten deutschen Steuergerichtes die vom achten Senat gerade neu ausgerichtete Rechtsprechung gleich wieder einkassiert. Sollte das so kommen, wäre das rechtliche Chaos perfekt. In einem weiteren Streitfall (IX R 9/18) muss der BFH klären, ob auch der Verzicht auf eine ausstehende Darlehensforderung steuerwirksam geltend gemacht werden kann.

  • Biallo-Tipp: Vorsicht, die Verluste sind bisher weder im Saldo der von der Bank bescheinigten Kapitalerträge enthalten noch im Verlusttopf der Bank eingestellt. Anleger müssen die Verluste bei der Steuererklärung über die Anlage KAP geltend machen und deren Ermittlung anhand anderer Unterlagen (Kontoauszüge, Kauf- und Verkaufsbelege) belegen. Lehnt das Finanzamt die Berücksichtigung der Verluste ab, legen Sie Einspruch gegen den ablehnenden Steuerbescheid ein und pochen Sie unter Hinweis auf das oben genannte BFH-Urteil auf Ihr Recht.

Wie verhält es sich mit Spesen und Transaktionskosten?

Um den Wertverlust einer Aktie steuerwirksam werden zu lassen, muss man das Papier verkaufen. Das Bundesfinanzministerium war allerdings bisher der Ansicht, dass ein realisierter Verlust auch dann nicht steuerwirksam wird, wenn der Verkaufspreis für die Papiere gerade mal die Bankspesen und die anfallende Maklercourtage abdeckt (BMF-Schreiben vom 18. Januar 2016, Bundessteuerblatt 2016 Teil I Seite 85).

Das Niedersächsische Finanzgericht hat dazu am 26. Oktober 2016 (Az.: 2 K 12095/15) gegen den Fiskus entschieden, dass ein steuerwirksamer Verkauf auch dann vorliegt, wenn die Transaktionskosten nicht abgedeckt sind. Außerdem entschieden die Richter aus Hannover, dass Anleger diese roten Zahlen auch bei fehlender Bankbescheinigung über die Einkommensteuererklärung geltend machen können. Deutliche Worte fanden auch die BFH-Richter im anschließenden Revisionsverfahren.

Mit Urteil vom 12. Juni 2018 (Az.: VIII R 32/16) verdonnerten sie den Fiskus dazu, die Verluste anzuerkennen. Die Höhe der Veräußerungskosten sei nicht entscheidend dafür, ob ein Verlust aus einem Aktienverkauf steuerwirksam werden darf oder nicht – so die obersten Steuerrichter des Landes. Auch dass der betroffene Anleger keine Verlustbescheinigung seiner Depotbank vorweisen konnte, spielt nach Meinung der Richter keine Rolle.

  • Biallo-Tipp: Da der Fiskus bislang seine Meinung bei den Depotbanken konsequent durchdrückt, werden derartige Verkaufsverluste aktuell im Verlusttopf für Aktien nicht eingestellt – sie gehen unter, wenn betroffene Anleger nicht aufpassen. Sammeln Sie alle Kauf- und Verkaufsabrechnungen und machen Sie den erzielten Verlust über die Steuererklärung (Anlage KAP) beim Finanzamt geltend. Verweisen Sie dazu auf das aktuelle BFH-Urteil vom 12. Juni 2018.

Musterprozesse zum Mitverdienen

Dass Verluste aus Aktiengeschäften nur eingeschränkt mit Gewinne aus Aktiendeals und nicht mit anderen Wertpapiergewinnen verrechnet werden dürfen, ist nach einem aktuellen Urteil des Finanzgerichtes Schleswig-Holstein vom 28. Februar 2018 (Az.: 5 K 69/15) verfassungsgemäß. Ob das so richtig ist, muss der BFH im anhängigen Revisionsverfahren erst noch klären (Az.: VIII R 11/18).

Nach einem Urteil des Finanzgerichts Köln vom 26. Oktober 2016 (Az.: 7 K 3387/13) sind die Anschaffungskosten für Knock-Out-Zertifikate im Verlustfall als Werbungskosten steuerlich abzugsfähig, auch wenn die Zertifikate eine Stopp-Loss-Schwelle haben, die dem Basispreis vorgelagert ist. Das unterlegene Finanzamt hat beim BFH Revision eingelegt (Az. VIII R 1/17). Dort ist bereits ein weiteres Verfahren zu den K.O.-Zertifikaten anhängig (Az. VIII R 37/15).

Normalerweise muss man ein Wertpapier tatsächlich verkaufen, um den Verlust steuerlich abrechnen zu können. Doch was gilt steuerlich, wenn Aktien im Rahmen einer Firmenpleite entschädigungslos eingezogen werden und die Depotbank den Posten einfach aus dem Depot bucht? Das Finanzgericht Düsseldorf meint, die Verluste fallen dann steuerlich unter den Tisch (Az. 7 K 2175/16 F). Abschließend klären muss der BFH diese Praxisfrage (Az. VIII R 34/16).

Wie ist die Lage bei fondsgebundenen Renten- und Lebensversicherungen?

Ungeklärt ist auch die Frage, ob Kursverluste aus dem vorzeitigen Verkauf einer fondsgebundenen Lebensversicherung steuerlich absetzbar sind (BFH-Az. VIII R 25/16).

Auch die genaue Reihenfolge der Verlustverrechnung ist rechtlich umstritten. Banken sind verpflichtet, pro Depot Gewinne und Verluste auch unterjährig auszugleichen. In einem anhängigen Verfahren (Az.: VIII R 8/16) muss der BFH die Frage klären, ob nicht das Finanzamt – abweichend von der gesetzlich vorgesehenen Reihenfolge der Verlustverrechnung – Gewinne aus den Jahren 2009 bis 2012 auf Antrag des Anlegers nicht vorrangig mit Altverlusten aus der Zeit bis 2008 verrechnen muss.

Anleger, die in geschlossene Fonds investiert haben und vorzeitig wieder aussteigen, sollten einen weiteren Musterprozess vor dem BFH im Auge behalten (Az.: IV R 2/16). Denn bisher können laufende Verluste aus derartigen Steuersparmodellen nur mit künftigen Gewinnen aus demselben Fonds verrechnet werden. Ob diese Verrechnungssperre auf für endgültige Verluste gilt, wenn man die Beteiligung verkauft, muss der BFH erst noch klären.

Altverluste nicht wertlos

Mit Altverlusten aus der Zeit bis Ende 2008 haben Depotbanken und Fondsgesellschaften nichts zu schaffen – dennoch sind sie nicht wertlos. Anleger müssen diese nur bei ihrem Finanzamt geltend machen. Anleger durften ihre roten Zahlen aus der Zeit bis 2008 zwar in das neue Steuersystem der Abgeltungsteuer hinüberretten.

Allerdings konnten sie diese Altverluste nur noch zeitlich befristet bis zum 31. Dezember 2013 über die Steuererklärung mit Kursgewinnen aus allen Wertpapiergeschäften ab 2009 verrechnen. Dazu zählen also auch Profite aus dem Verkauf von Anleihen, Zertifikaten und Fondsanteilen – nicht jedoch Zinserträge oder Dividenden sowie Auszahlungen aus Lebensversicherungen oder Fondsausschüttungen.

Seit 2014 können noch nicht verwertete Altverluste nur noch mit Gewinnen aus privaten Veräußerungsgeschäften wie dem steuerpflichtigen Verkauf von Immobilien, Edelmetallen wie Goldbarren oder -münzen oder Antiquitäten verrechnet werden.

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de